Maria Esch

Maria besucht die Schreibwerkstatt schon lange, auch wenn sie mal eine längere Pause eingelegt hat. Ihre große Liebe sind Gedichte in Reimen, bei deren Vortrag wir mitunter schon Tränen gelacht haben.


Anton aus Wildsachsen – Alois aus Bremthal

Jeden Tag dreht Alois seine Runde. Nach seinem Mittagsschlaf. Sein Dackel wartet bereits an der Tür. „Ich komm ja schon Fritzi, sei doch nicht so ungeduldig“, ruft er dem Hund zu.
Und dann spazieren sie am Bremthaler Sportplatz vorbei Richtung Wildsachsen. Tagtäglich nehmen sie den gleichen Weg. Tagtäglich treffen sie Anton. Anton steht bei seinen Schafen.
„Grüß Gott Anton, na, wie schaut‘s?“
„Ach, so weit, so gut, Alois. Nur die Flieger, diese verteufelten Flieger. Schau nach oben, alle zwei Minuten fliegt einer, und so tief. Meine Schafe sind nervös. Stündlich werden sie hibbeliger. Ich hab‘s schon mit Baldriantropfen probiert. Nix, die wirken nicht. Ich hab's mit gutem Zureden versucht. Nix, die hören nicht. Sie fressen kaum. Selbst der Schafsbock hat einen am Sträußchen“.
„So, und wie merkst du das, Anton?“
„Ei, der Kerl will überhaupt keinen Nachwuchs mehr zeugen. Im Gegensatz zu früher, da war der ganz wild. Ständig jagte er den Lämmern hinterher. Und heute. Er muss wohl impotent sein? Und statt die Wiese abzugrasen, starren sie alle nur noch in die Luft. Guck, alle haben sie die Köpfe oben. Sie sind so neben der Spur, dass sie nicht einmal mehr richtig blöken können. Statt einem schafsmäßigen „määäh“ höre ich nur noch ein „näääh“.
„Hörst du es auch, Alois?“
„Ich? Neeeh.“
„Ach, ich weiß mir bald keinen Rat mehr. Ich brauch die Schafe. Meine Rente ist nicht so, dass ich davon gut leben könnte. Wenn ich genug Lämmer verkaufe, gibt es mehr von dem Eurozeugs. Verstehst du?“
„Voll und ganz, voll und ganz versteh ich das, Anton“.
„Demonstrieren nutzt nix. Die lachen nur, wenn sie uns mit den Plakaten sehen. Da muss man handeln, Anton, handeln“.
„Komm, ich lad dich ein. Ein Bier wird uns gut tun. Der Dorfkrug zapft uns ein kühles Bier“.
„Genau danach ist mir, Alois, genau danach“.
Anton und Alois saßen lange an der Theke. Viel zu lange. Und sie redeten und tranken und schwankten in Schlangenlinien nach Hause. Alois mit Dackel und Taschenlampe nach Bremthal.
Am darauf folgenden Tag, als beide ihren Rausch ausgeschlafen hatten, traf Alois bei Anton in dessen Garage ein. Sie flüsterten, drehten Schrauben, bastelten, bohrten und klopften. Stunden später waren sie zufrieden mit dem Werk, das sie am Ende noch zusammenschrauben mussten. Es war bereits dunkel, als sie sich mit dem Leiterwagen, den beide zogen, auf den Weg machten.
Oben auf der Höhe angekommen, tranken sie erst einmal ein Bier. Anton leuchtete mit der Taschenlampe in den Leiterwagen.
„Ich brauche noch ein Bier, Alois. Ich muss so richtig in Fahrt kommen. Meine Wut muss ich raus lassen. Ich will diese Flieger nicht mehr sehen“.
Rasch gluckerte das nächste Bier in seine Kehle.
„Glaubst du, das funktioniert, was wir da gebastelt haben, Anton?“
„Das muss funktionieren. Ich habe alles berechnet, getestet, seit Wochen tue ich nichts anderes, Alois. Es wird klappen, es muss klappen, basta!“
Vorsichtig hoben sie ihr schweres Werk aus dem Leiterwagen.
„Hast du den Feueranzünder? Leg die Lunte aus. Aber die zünden wir erst, wenn wir genügend Abstand haben“, kommandierte Anton und Alois trabte hinter ihm her. Nach wenigen Minuten gab Anton das Kommando.
„Los Alois, zünde das Feuer an!“
„Wieso ich? Es war doch deine Idee. Mach das mal selbst“.
„Ich brauche erst noch ein Bier. Ich bin noch nicht in Fahrt“.
„Anton, wenn du noch saufen willst, kannst du die Sache vergessen. Schau zum Himmel, zähle die Flieger, es blinkt, das ganze Firmament ein Blinkerhaufen“.
Anton stierte zum Himmel, seine Wut steigerte sich.
„Ich will sie nicht mehr sehen, los, wo ist die Lunte, zünde sie an!“
Es machte p u f f.
Dann folgte ein fürchterlicher Knall. Die gezündete Rakete explodierte in der Luft, auf dem Hügel von Wildsachsen. Tagelang lag der gesamte Ort unter einer schweren Dunstglocke. Die Flugzeuge mussten umgeleitet werden.
Und wieder saßen die beiden im Dorfkrug. Und wieder schmeckten die frisch gezapften Bierchen so gut. Und wieder tranken sie auf ihren Erfolg.
„Wenn ich das jetzt jeden Monat mache, sind wir die Flieger los. Und meine Schafe fressen und sie werden sich auch wieder vermehren. Wie findest du meine Idee, Alois?“
Alois schnarchte lauthals vor sich hin. Er schien zu träumen. Anton hörte ihn murmeln: „Es machte puff, es machte puff!“


Sommerträume

Zeig mir das Land,
wo die Sonne ich fand.
Zeig mir den Regen,
wenn er bringt reichen Segen.
Zeig mir die Wolken,
die am Himmel still treiben.
Spürst du den Wind,
der ein Lied dir will schreiben?
Atme tief ein dieses lauwarme Lüftchen,
koste es sanft wie ein blumiges Düftchen.
Hörst du der Wellen lockendes Rauschen,
verharre nur still, vertiefe dein Lauschen.
Vernimmst du des Wassers inniges Brausen,
fühlst du die Macht, hörst des Sturmes Zorn Sausen? 

Drängt es dich zum Wellenreiten,
liebst du es, auf dem Brett zu gleiten?
Sehnst du dich, durch den Sand zu schreiten,
schließ deine Augen, erfass die Meeresweiten.
Lass dich fallen in tiefe Träume,
lass dich gleiten auf der Meeres-Schäume.
Roll dich aus auf dem weißen Sand,
nimm ihn mit als ein Liebespfand.
Schau auf das Meer, es erstrahlt dir im Blau,
vergiss deine Sorgen, sie sind nicht mehr grau.

Tauche ein in Neptuns Reich,
mache es den Fischen gleich,
erkennst du am Grund die zahlreichen Muscheln,
wie sie sich aneinander kuscheln?
Entdeckst du dort das alte Schiff,
das einst lief auf das scharfe Riff?
Komm herauf auf die kargen Klippen,
genieße das Salz auf feuchtwarmen Lippen. 

Verschmelze mit der Wärme, von der Sonne geschenkt,
lass dich innig umarmen, von der Liebe gelenkt.
Genieße die Stille, folge mir in die Bucht,
Haut an Haut lass uns spüren der Sehnsucht süße Frucht.
Lass uns lauschen, lass uns atmen,
getragen auf den Meereswogen,
lass uns lieben, tief und ewig,
bis uns glüht ein Regenbogen.


Die Blockflöte

Ich sitze hier auf der Bank im Park. In meiner Hand halte ich eine Blockflöte. Oma hat sie mir zu Weihnachten geschenkt. Was soll ich mit einer Blockflöte? Ein Fußball wäre mir lieber. Aber Oma ist der Meinung, dass Kinder ein Musikinstrument lernen sollen. Kann ja sein. Ich bin anderer Meinung. Jetzt ist es Frühling, die Bäume blühen, die Blüten fallen auf die Erde, ich schaue den rosa Blüten nach, wie der Wind mit ihnen spielt, ganz so wie an Weihnachten, wenn die Schneeflocken fallen. Es ist so schön, den tanzenden weißen Flocken zuzuschauen. Doch jetzt ist es wärmer. Und ich sitze hier auf der Bank. Mama hat gesagt: "Geh in den Park, setz dich auf eine Bank und übe". Ich will nicht üben. Ich mag keine Blockflöte, möchte lieber Fußball spielen. Drüben auf dem Bolzplatz, da höre ich sie kicken, schreien und rennen. Und ich sitze hier mit dieser blöden Blockflöte. "Oma erwartet von dir, dass du ihr zum Geburtstag ein Lied vorspielst", drängelte Mama. "Ich kann ihr ja ein Gedicht aufsagen und ein Lied vortragen", schlug ich vor. "Das kommt überhaupt nicht in Frage, mein lieber Tom, Oma will ein Lied auf der Blockflöte hören, und du gehst jetzt in den Park und übst."
Wenn Mama so energisch reagiert, helfen keine Widerworte. Zähneknirschend griff ich nach der Blockflöte und würgte sie. Wortlos schlich ich hinaus in den Park. "Ich will nicht, ich will nicht, ich hasse dich, du blöde Flöte. Ich stopf dir die Röhre zu, damit kein Ton mehr heraus kommt", motzte ich vor mich hin und lümmelte mich auf die Bank. 

Ich schaute aus dem Fenster und entdeckte meinen Sohn Tom auf der Parkbank. Er hatte sich die Blockflöte zwischen die Beine geklemmt und schaukelte vor und zurück.
Na, er wird schon üben, er ist ja ein lieber Junge und will seine Oma nicht enttäuschen. Oma hat sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dass ihr Enkel ein Musikinstrument erlernen soll. Je früher, je besser. Schließlich war Opa ein exzellenter Querflötenspieler. "Man muss den Jungen zum Spielen hinführen, ihn motivieren, er hat Talent, das spüre ich. Er wird bestimmt genau so ein begnadeter Musiker wie sein Großvater. Das wird er geerbt haben, du wirst schon sehen, meine Liebe." So weit die überzeugenden Worte meiner Schwiegermutter. Vor ihrem geistigen Auge schwebte Tom im Orchestergraben oder auf der Bühne als Musiker, der Schwarm aller Teenager und von einer Tournee zur nächsten fliegend. Weit gefehlt. Ich kenne meinen Tom. Er mag keine Musikinstrumente, und schon überhaupt keine, die man sich in den Mund stecken muss. Es ist ihm ein Graus. Tom ist sportlich begabt. Ich muss es Oma schonend erklären. Sie wird wieder damit drohen, uns zu enterben und alles der Musikschule zu vermachen. Wenn sie das so will, dann soll sie es eben machen.
Ich strecke meinen Kopf nochmals zum Fenster hinaus. Tom sitzt nicht mehr auf der Bank. Ich rufe seinen Namen, nichts, erhalte keine Antwort. Rasch eile ich hinaus, vorbei an der Bank, auf der er vor wenigen Minuten noch saß. Und dann stutze ich. Am Brunnen sitzt ein dicker, wasserspeiender Frosch. Aber etwas ist anders an diesem Frosch: In seinem Maul steckt die Blockflöte und aus ihr fließt Wasser. Kein Zweifel, Toms Blockflöte. Oh Gott, wenn das Oma sehen würde? Unweit des Parks höre ich Kindergeschrei und entdecke meine Fußball kickenden, lachenden und glücklich aussehenden Tom. 

Wir werden Oma zum Geburtstag ein Lied singen und sie wird uns was flöten!


Die Fliege

Sie saß an der Wand. Ich lag auf der Couch. Mein Blick war auf sie gerichtet. Ihr Blick auf mich. Mein Buch zog mich wieder in seinen Bann. Drei ganze Zeilen. Das Geräusch war mir sehr vertraut. "Sssssss". Meine Augen hielten nach dem schwarzen Blutsauger Ausschau. Sie bevorzugte meine nackten Beine. Vorhin das linke, jetzt das rechte. Am linken Bein habe ich bereits eine juckende Stelle. Vielleicht in wenigen Augenblicken auch am rechten? Zuckersüßes Blut? Ich zucke kurz und beuge das rechte Bein. Nur leicht. Sie fliegt weg, zurück an die Wand, neben das Bild von Mozart. „Na warte, du Fliegenvieh, dir vermassele ich die Saugertour“, zische ich und ziehe mir die Decke über die Beine. "Ha, ha, eine Zapfstelle weniger." Seite 17, links, zweiter Absatz, ich lese weiter. Vier ganze Zeilen. Er küsst sie auf den Bauchnabel. "Ssssss". Sie nähert sich wieder, nimmt Kurs auf meine linke Hand. Aus den Augenwinkeln beobachte ich sie. Schlage zu. Daneben, nur meinen Handrücken getroffen. Nicht sie. Sie war schneller. Der Vampir saß schräg neben mir an der Wand. Augenblicklich schlage ich zu. Mit dem Buch. Zack, erfolgreich getroffen. Ein roter Fleck an der weißen Tapete erinnert noch an sie. Den Fleck auf dem Buch gibt es nicht mehr. Abgewaschen, dank Glanzfolieneinband. Jetzt bin ich auf Seite 125 angekommen und warte mit Spannung auf das Happy - End!