Marga Rodmann

Marga besucht die Schreibwerkstatt seit vielen Jahren und hat schon viele tolle Geschichten geschrieben. Es ist für mich sehr faszinierend, zu beobachten, welche unterschiedliche Phasen sie hat und wie sie das in den Themen und Genres, die ihr gerade wichtig sind, schreibend ausdrückt.


Andreas' Hochzeit

Meine Schuhe drücken. An einem Tag, an dem ich so viel laufe, hätte ich sie nicht anziehen sollen. Ich wusste doch, dass ich nicht so schnell fündig werden würde.
Ich brauche ein neues Kleid. Ein Kleid für eine Hochzeit. Nicht meine Hochzeit – zum Glück. Ich bin eingeladen. Von einem alten Freund.
Stöhnend lasse ich mich auf einer Bank unter einer Platane nieder. Meine Schuhe kicke ich von mir.
Ein hübscher Mann mit Hund kommt vorbei, bleibt vor mir stehen und fragt mich nach Feuer. In mir könnte ich sicherlich eines für ihn entfachen. Aber für seine Zigarette habe ich keines.
Plötzlich knurrt der Hund und geht auf meine Schuhe los.
„Halt“, schreie ich und springe auf. Der Mann hechtet nach seinem Hund. Doch es ist zu spät. Einer der beiden Schuhe wurde bereits zur Ruine verarbeitet.
„Oh, das tut mir furchtbar leid“, stammelt der Mann, während er seinen Hund am Halsband zu sich heran zieht.
„Was bist du nur für ein Böser?“, raunt er ihm ins Ohr. Der Hund schüttelt sich und schaut mich mit schräg gestelltem Kopf an. Eigentlich sieht er drollig aus. Aber nach Lachen ist mir gerade nicht zumute. Frustriert betrachte ich meinen zerstörten Schuh.
„Hier ist meine Karte“, meint der Mann nun. Kaufen Sie sich neue Schuhe und schicken Sie mir die Rechnung. Ich habe leider keine Zeit, Sie beim Schuhkauf zu begleiten. Aber achten Sie bitte nicht auf den Preis. Kaufen Sie, was Ihnen gefällt.“
Ich nehme die Karte, starre sie kurz an und blicke wieder auf, um mich zu bedanken. Doch meine Worte treffen nur noch seinen Rücken. Kurz darauf ist er zwischen den anderen Menschen verschwunden.
Ich frage mich, ob ich das alles nur geträumt habe. Der ruinierte Schuh und die Visitenkarte in meiner Hand zeigen allerdings deutlich, dass ich nicht träume.
Seufzend schaue ich mir die Karte genauer an. Eine Rechtsanwaltskanzlei. Er scheint einer der beiden Inhaber zu sein. Komisch. So hat er gar nicht ausgesehen. Eher locker. Fast wie ein Student, dem mehr nach Reisen zumute ist, als nach ernsthafter Arbeit.
Wieder seufze ich und überlege, wie ich jetzt vorgehen soll. Ich versuche, den kaputten Schuh an meinen Fuß zu bekommen. Doch damit zu gehen, ist hoffnungslos. Also gehe ich barfuß los und sehe mich nach dem nächst gelegenen Schuhgeschäft um. Ich will in der dreckigen Stadt nicht allzu lange mit nackten Füßen herumlaufen.
Ober das mit dem Preis ernst meinte? Würde er wirklich jeden Schuh bezahlen? Aber wenn ich sowieso schon neue brauche, kann ich auch nach etwas Besonderem schauen.
Eigentlich habe ich mir ja keine Mühe geben wollen. Andreas bedeutet mir nichts mehr. Das ist lange her mit uns beiden. Schön, dass er Jemanden gefunden hat, den er so sehr liebt, denke ich großzügig und verspüre dabei einen kleinen Stich. Ich bin ihm sowieso egal.
Trotzdem zieht es mich in die extravagante Abteilung des nächsten Kaufhauses. Sofort bleibe ich an einem besonderen Kleid hängen, zu dem auch gleich die passenden Schuhe bereit stehen. Das Kleid hängt an einem Puppenrumpf. Die Schuhe stehen darunter. Retrolook. Könnte auch meine Mutter in jungen Jahren getragen haben. Da war sie sehr hübsch, wie alte Fotos besagen.
Ich probiere beides an und drehe mich im Kreis. Sitzt wie angegossen.
„Oh. Das steht Ihnen ausgezeichnet. Wie für Sie gemacht“, ereifert sich die Verkäuferin und klatscht vor Aufregung in die Hände. Ich blicke sie irritiert an und dann nochmal in den Spiegel. Ja, es gefällt mir und ich kaufe es. Das Kleid und auch die Schuhe.
Um sie nicht gleich anbehalten zu müssen, kaufe ich mir noch billige Stoffschuhe. Mit denen an den Füßen und einer großen Tüte in der Hand begebe ich mich wieder nach draußen.
Nach der Aufregung brauche ich einen Kaffee und blicke mich suchend um. Gleich gegenüber stehen Tische in der Sonne. Dorthin begebe ich mich und genieße die sanften Sonnenstrahlen, denen ich mein Gesicht entgegenstrecke.
“Karla?“, ertönt es plötzlich neben mir und ehe ich mich versehe blicke ich in das Gesicht von Andreas direkt vor mir.
„Oh!“, ich springe auf und streiche über mein zerknittertes Longshirt. „Andreas!“
Ich will ihn umarmen, halte aber mitten in der Bewegung inne. Geht das noch? Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Ihm scheinen ähnliche Gedanken durch den Kopf zu gehen. Jedenfalls hält er mir brav die Hand hin.
Enttäuscht nehme ich sie. Er sieht immer noch verdammt gut aus. Und er riecht so gut. Am liebsten hätte ich an seinem Hals geschnuppert oder gleich reingebissen. Aber wir sind ja anständige Leute geworden und er will bald heiraten.
„Du kommst doch zu unserer Hochzeit, nicht wahr?“
Ich nicke.
„Bringst du Jemanden mit?“
Ich schüttele den Kopf.
„Gibt es denn Jemanden in deinem Leben?“
Ich schüttele wieder den Kopf.
„Momentan nicht“, krächze ich und komme mir total bescheuert vor. Eigentlich gibt es schon lange Niemanden mehr in meinem Leben. Aber das sage ich Andreas nicht.
„Na, ich muss dann mal weiter“, meint Andreas nun und schon ist er wieder weg. Heute lassen mich alle Männer stehen, denke ich frustriert, zahle meinen Kaffee und gehe nach Hause.
Ich wollte einen gemütlichen Abend mit mir selbst verbringen. Mit einem Glas Rotwein und einem schönen Buch. Doch ich schaffe es nicht, mich auf das Buch zu konzentrieren. Andreas schiebt sich immer wieder dazwischen. Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bemühe mich, nicht an ihn zu denken. Doch das funktioniert nicht. Es funktioniert die ganzen nächsten Tage nicht.
Zur Ablenkung rufe ich den Mann mit dem Hund an. Carlos heißt er. Witzig, denke ich. Karla und Carlos. Ich schüttele gleich darauf den Kopf über so viel Blödheit. Warum nur dachte ich gleich an sowas?
Er bleibt zum Glück dabei, die Schuhe zahlen zu wollen. Sie haben stolze 168,- Euro gekostet. Aber das stört ihn nicht. Wir verabreden uns für den Abend.
Als erstes zahlt er mir die Schuhe. Dann gehen wir etwas trinken. Der Hund beobachtet uns. Er ist unruhig. Vorsichtshalber habe ich keine guten Schuhe angezogen. Carlos lacht, als ich ihm das verrate.
„Wir sollten ihm genügend Bewegung verschaffen. Dann bleibt er brav.“
Also gehen wir spazieren. Durch den Park. Am Ufer des Flusses entlang. Bis zu einem außerhalb gelegenen Restaurant. Dort essen wir zu Abend. Wir unterhalten uns ausgezeichnet. Es wird spät.
Tief in der Nacht begleitet er mich nach Hause und küsst mich zum Abschied auf den Mund.
„Wir sehen uns hoffentlich bald wieder“, meint er kurz und geht. Wieder lässt er mich verblüfft zurück.
Jetzt erst merke ich, dass ich den gesamten Abend nicht an Andreas gedacht habe. Nun habe ich auf einmal zwei Männer, die mir durch den Kopf schwirren, denke ich, als ich im Bett liege. Ich will Carlos auch wiedersehen. Aber morgen ist erst mal die Hochzeit von Andreas.
Als ich am nächsten Tag aufwache, habe ich noch viel Zeit, um mich zurechtzumachen. Seltsamerweise denke ich dabei andauernd an Carlos. Das ist vielleicht auch besser so. Andreas ist längst abgehakt. ER gehört bald einer anderen. Silvia. Ich kenne sie noch nicht und verspüre eigentlich auch keine Lust, sie kennenzulernen. Aber das wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Eine Hochzeit ohne die Braut wäre eigenartig.
Am späten Vormittag findet die Trauung auf dem Standesamt statt. Eine kirchliche Trauung wollten die beiden nicht. Danach gibt es einen Sektempfang. Andreas ist umringt von Glückwünschenden. Ich bleibe abseits stehen und beobachte die Szene.
Als Andreas mich erblickt, lächelt er und löst sich aus der Menge, um auf mich zuzukommen.
„Wow!“, meint er zur Begrüßung, „Du siehst ja absolut umwerfend aus!“ Ich lächle als Antwort und gratuliere ihm. Ich halte ihm meine Hand hin, doch er schiebt sich an ihr vorbei und nimmt mich in den Arm. Es fühlt sich warm an. Und gut. Nur ungern löse ich mich wieder von ihm, als weitere Gäste seine Aufmerksamkeit fordern.
Erst spät am Abend finden wir nochmal etwas Zeit füreinander. Wir spazieren durch den Garten an den Rhododendren vorbei, die gerade in den unterschiedlichsten Farben blühen.
„Oh Karla“, sagt er irgendwann und bleibt stehen, um sich mir zuzuwenden. „Wenn ich dich so ansehe, kann ich überhaupt nicht mehr verstehen, warum ich dich damals verlassen habe.“
Mein Herz rast. Ich kann nichts sagen. Mein Herz rast noch mehr, als wir uns erneut umarmen. Eine intensive Umarmung, die etwas anderes ausstrahlt, als die Gratulationsumarmung von heute Mittag. Ich versinke in seinen Armen und atme tief seinen männlichen Duft ein, der mich so betört, dass ich ihn am liebsten ins Gebüsch zerren und ihm die Kleider vom Leib reißen würde.
Um nicht zu ertrinken, hebe ich meinen Kopf ein wenig an und sehe eine Bewegung hinter Andreas. Silvia steht in der Nähe und beobachtet uns. Erschreckt löse ich mich von Andreas, nehme seine Hände.
„Ich wünsche euch viel Glück. Alles Gute. Ich gehe dann jetzt“, sage ich viel zu laut, drehe mich um und versuche krampfhaft, nicht zu rennen, während ich die Hochzeitsfeier verlasse.


Clemens' Leid

Clemens saß in seiner Diele auf dem Boden. Dem nackten Holzboden. Er streichelte das alte Holz, das er vor nicht allzu langer Zeit abgeschliffen hatte. Lange saß er schon so da. Seine Beine waren schon ganz steif, sein Gesäß schmerzte. Doch er bemerkte dies kaum. Auch das Kommen und Gehen der Sonne, die wechselnde Schatten durch das Fenster jagte, nahm er nur am Rande wahr.
Das Schlagen der Uhr riss ihn aus seiner Lethargie und  ließ ihn zusammenzucken. Er hob den Kopf.
Und da sah er etwas, das seinen Blick gefangen hielt. Ein ungewöhnlicher Schatten war mit zitternden Bewegungen vor ihm erschienen. Sanft hin und her wiegend. Ein gemeinsamer Tanz von Sonne und Wind.
Im Clemens‘ Innerem zog sich etwas zusammen und riss an seinen Eingeweiden. Eine Erinnerung. Die Erinnerung an andere Zeiten. An bessere Zeiten.
Ein anderes Leben, in dem es sich noch gelohnt hatte, den Dielenboden abzuschleifen. Doch nun erschien ihm das wie ein banaler unsinniger Akt aus längst vergangener Zeit. Unerreichbar weit weg.
Draußen bellte ein Hund.
Viel zu nah eigentlich. So konnte sich nur ein Hund anhören, der in den Garten eingedrungen war. In seinen Garten.
Clemens sprang auf. Er musste sich an der Wand festhalten, damit seine steifen Beine ihn überhaupt noch trugen. Als er wieder sicher stehen konnte, trat er vorsichtig ans Fenster.
Und da stand er. Ein riesiges zotteliges Ungetüm. Direkt vor dem Wunder aller Zierde. Seiner geliebten Myrte.
Als dieses Zottelwesen das Bein hob und in Begriff schien, sich genau an diesem Wunder zu erleichtern, fing Clemens an zu schreien und an die Scheibe zu hauen. Erschrocken sprang das Tier zur Seite und fing wieder an zu bellen. Bellte ihn an. Clemens.
Die Sonnenstrahlen brachen sich in seinem Fell und brachten es zum leuchten. Es sah aus wie das Fell eines göttlichen Wesens. Oder wie das eines Orang-Utans.
Fasziniert trat Clemens zur Terrassentür, drückte sie vorsichtig auf und trat langsam nach draußen. Das Bellen wurde mit jedem Schritt, den er auf das Tier zuging leiser, bis nur noch ein Winseln zu hören war.
Sie waren sich jetzt ganz nah. Clemens brauchte nur noch seine Hand auszustrecken und er könnte dieses wunderbare Fell berühren, das immer noch von der Sonne durchleuchtet wurde.
Doch Clemens zögerte. Er hatte Angst, diesen zauberhaften Moment zu zerstören. Das Tier war nun ganz ruhig. Sah ihn erwartungsvoll an.
Also machte er den letzten Schritt. Das Fell war samtig weich.
Clemens schloss die Augen und stellte sich vor, es sei SIE. Dieser wunderbare Engel mit diesen wunderbaren leuchtend-roten Locken. Sie hatte es geliebt, wenn er ihr durch die Haare gefahren war. Diese wilden Locken, die sie offensichtlich verlockt hatten. Verlockt zur Gefahr.
Sie war eine Abenteurerin gewesen. Eine freischaffende Fotografin, die vor nichts zurückschreckte, wenn sie ein gutes Motiv im Visier gehabt hatte. Sie war oft gelobt worden. Oft gefeiert. Doch sie hatte das Schicksal zu oft herausgefordert. Dafür hatte sie bezahlen müssen. Dafür hatte er bezahlen müssen.
Ein kurzer unbedachter Augenblick hatte sie von ihm fortgerissen.
Clemens sah sich um und blickte auf das leere Haus, von dem er im Begriff gewesen war, sich zu verabschieden. Doch nun wusste er, dass seine Entscheidung falsch war.
Er konnte nicht gehen.
Er brauchte die Erinnerung. Konnte nur gemeinsam mit ihr ein neues Leben beginnen. „Danke Hund“, flüsterte er und sah liebevoll zu dem Myrtestrauch, den er mit ihr gemeinsam vor langer Zeit gepflanzt hatte.

Dieser Text ist nach einem Gedicht von Clemens Brentano entstanden:

Als ich in tiefen Leiden
Verzweifelnd wollt ermatten,
Da sah ich deinen Schatten
Hin über meine Diele gleiten,
Da wusst ich,  was ich liebte,
Und was so schrecklich mich betrübte,
O Wunder aller Zierde,
Du feine ernste Myrte.  


Matteo Herzogs Problem

Matteo Herzog wuchtete seinen schweren Koffer aus dem Auto, gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss und begab sich in das Bahnhofsgebäude. Er drehte sich nicht mehr nach ihr um. Dennoch wusste er, dass sie ihm hinterher schaute. Er spürte ihren starren Blick im Nacken, der bereits zu prickeln begann.
Sie hatte nichts gesagt. Aber ihm war klar, dass sie sich wunderte und sich Gedanken machte. Darüber, dass er plötzlich mit der Bahn auf Geschäftsreise fuhr und nicht mit dem Auto. Darüber, dass er plötzlich übernachten wollte und nicht mehr wie früher am Abend heimfuhr, egal wie spät es war.
Natürlich war ihm  klar, dass er mit ihr hätte reden können. Hätte reden müssen. Aber er konnte nicht. Er hatte es schon mehrfach versucht und dann immer etwas gefunden, warum jetzt gerade doch nicht der richtige Moment war und er lieber noch warten sollte.
Ihm war bewusst, dass sie eine Geliebte dahinter vermutete. Oder zumindest eine Frau, die er zu seiner Geliebten werden lassen wollte. Dennoch hatte er es nicht geschafft, mit ihr zu reden, um diesen Verdacht zu entschärfen. Hatte es nicht geschafft, ihr die Wahrheit zu sagen. Er hatte ihr nur seinen Entschluss mitgeteilt, von nun an mit dem Zug zu den vielen Sitzungen zu fahren und die Möglichkeit der Übernachtung endlich wahrzunehmen.  Bei längeren Fahrten, wie dieses Mal, waren es sogar zwei Übernachtungen. Anfahrt, Übernachtung, Tagung, Übernachtung und dann die Heimfahrt. Die anderen würden das auch so machen und er könne es sich nicht mehr leisten, die Abende nicht mitzubekommen, hatte er als einzige Erklärung geliefert.
Genau genommen steckte tatsächlich eine Frau dahinter. Aber nicht so, wie seine Frau es vermutete.
Nun war er also im Begriff, seine erste Geschäftsreise mit dem Zug zu unternehmen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass sein Koffer so schwer sein würde. Das Wort „praktisch“, das er seiner Frau gegenüber auch benutzt hatte, passte momentan nicht wirklich. Er sollte sich doch endlich mal an die moderne Welt herantasten und alle Unterlagen, die er brauchte, digital mit sich führen. Er fluchte zwar immer über die Kollegen, die mit so einem kleinen Computer dasaßen und ständig an ihrem Handy herumfummelten, aber praktischer wäre das schon.
Stattdessen hatte Matteo Herzog mehrere Ordner und zahlreiche Ausdrucke dabei, die er an die Kollegen verteilen wollte. Sein Koffer hatte immerhin Rollen, die nun über den unebenen Boden des Frankfurter Hauptbahnhofs ratterten. Er war schon ewig nicht mehr hier gewesen und fühlte sich zurückversetzt in seine Studentenzeit, als er in Frankfurt an der Uni gewesen war. Leider hatte er nicht mehr präsent gehabt, dass dieser Bahnhof ein Kopfbahnhof war und die Wege zu den Gleisen lang. Außerdem war es brechend voll, so dass er sich ständig um andere Menschen herum manövrieren musste.
Früher hatten sie sich immer amüsiert über die abgehetzten Schlipsträger, die sie an sich hatten vorbeihechten sehen. Nun war er selber so einer. Da er BWL studiert hatte, war das absehbar gewesen. Aber in jungen Jahren weiß man ja immer alles besser und will alles anders machen als die vorige Generation. Leider war er kein so starker Charakter, der es schaffte, gegen den Strom zu schwimmen.
Jetzt fühlte er sich allerdings fast so, denn all die vielen Menschen hier schienen in eine andere Richtung zu wollen als er. Es waren Geschäftsreisende wie er, Familien, Rucksacktouristen, Penner und normale Pendler. Alles bunt gemischt und dicht zusammengedrängt. Er wurde mehrmals angerempelt. Mit jedem Mal wurde er unruhiger.
Nervös kramte er seine Fahrkarte und die Verbindung hervor, die seine Sekretärin ihm herausgesucht hatte. Frankfurt – Dresden. Knapp fünf Stunden ohne umsteigen. Wenn er diesen Zug erst einmal bestiegen und seinen Platz gefunden hatte, konnte ihm nichts mehr passieren. Er konnte alle Texte nochmal durchgehen.
Fest umklammerte er seine Fahrkarte und machte sich auf die Suche nach seinem Gleis. Gleis 14 von 26. Irgendwo mittendrin im großen Getümmel. Sein ICE stand schon da. Er hatte zehn Minuten Aufenthalt. Mühevoll kämpfte er sich zu seinem Sitzplatz vor, wuchtete den Koffer in das Gepäcknetz und musste dann feststellen, dass auf seinem Platz schon jemand saß. Schnell überprüfte er noch einmal seine Reservierung. Ja, er war im richtigen Waggon. Das war sein Platz. Die alte Frau, die dort saß, erhob sich mühevoll und jammerte beim Weggehen vor sich hin. Matteo Herzog war schon im Begriff, ihr seinen Platz zu überlassen. Doch dann erinnerte er sich an die lange Fahrtdauer und ließ es bleiben.
Die kleine Tasche mit den Unterlagen, die er sich im Zug nochmal anschauen wollte, lag auf seinem Schoß, während der Zug langsam anruckelte. Schnell wich das städtische Bild und sie fuhren durch Wald und Wiesen.
Nach einem Augenblick erhob sich Matteo Herzog. Die Unterlagen konnte er auch noch später durchgehen. Er hatte ja viel Zeit, so dass er ruhig zunächst in das Bistro gehen konnte. Er war neugierig, was es dort alles gab und erstaunt, wie voll es an einem Sonntagnachmittag war. Auch im Bistro. Viele bestellten bereits ein Bier. Warum auch nicht? Matteo Herzog tat es ihnen gleich und bestellte ein Weizen. Die Tagung ging ja erst am nächsten Tag los. Um zehn Uhr. Da die meisten mit dem Auto anreisten.
Sie waren noch jünger und hatten mehr Energie. Wie leicht hätte er seiner Frau erklären können, dass er den Stress nicht mehr aushielt und es einfach nicht mehr schaffte, morgens in aller Frühe loszufahren und nach einem anstrengenden Tagungstag noch die Heimfahrt anzutreten.
Doch das hatte er nicht getan.
Vielleicht, weil er sich diese Schwäche noch nicht eingestehen konnte. Vielleicht aber auch, weil es nicht die ganze Wahrheit war.
Er hatte einen Sitzplatz direkt neben der Theke bekommen, an einem ovalen Tisch. Das Weizen, das er darauf abstellte, rutschte hin und her. Also hielt er es lieber fest. Dadurch führte er es ununterbrochen an die Lippen und es war erstaunlich schnell leer.
Also bestellte er ein weiteres und kam mit seinen Sitznachbarn ins Gespräch. Allesamt wollten sie nach Dresden. Sie fuhren diese Strecke regelmäßig und trafen sich immer im Bistro. Matteo Herzog fühlte sich gleich wohl. Er befand sich unter Gleichgesinnten.
Die Unterlagen, die er auf seinem Sitz zurückgelassen hatte, hatten eine sehr einsame Zugfahrt. Sie wurden nur noch hastig hochgerissen und in die Tasche zurückgestopft, als der Zug bereits in Dresden einrollte. Den Koffer zog Matteo Herzog so kraftvoll von der Ablage, dass er beinahe unter ihm begraben wurde. Lediglich die Enge des Ganges und bereitstehende weitere Fahrgäste hinderten ihn daran.
Als er im Hotel eintraf, legte er Tasche und Koffer schnell in seinem Zimmer ab und verschwand sofort wieder. Die meisten seiner Kollegen würden erst am nächsten Tag eintreffen, trotzdem fanden sich noch zwei weitere Zugfahrer, mit denen er an die Hotelbar zog.
Matteo Herzog sollte auf der Tagung die Einführung in die Schwerpunktthematik durchführen. Ein neues Projekt, das nach der Pilotphase deutschlandweit zum Einsatz kommen sollte. Er war gut vorbereitet, auch wenn er sich im Zug nichts mehr angeschaut hatte. Normalerweise zumindest, hätte das, was er an Vorbereitung getätigt hatte, absolut ausgereicht, um sich gut zu präsentieren. Doch an diesem Tag lief es nicht so rund. Er hatte mehrere Aussetzer. Vertauschte Unterlagen und holperte durch seinen Vortrag, wie auf einer kaputten Straße nach einem strengen Winter.
Irgendwann hatte er es geschafft und er setzte sich, verfolgt von nachdenklichen Blicken, an seinen Platz. Von den folgenden Rednern und der anschließenden Diskussion bekam er kaum etwas mit.
In der Mittagspause nahm sein Chef ihn zur Seite.
„Herr Herzog, was ist denn los mit Ihnen?“
„Nichts. Entschuldigung. Ich habe nur etwas Kopfschmerzen.“
„Zu lange in der Bar gewesen, was?“
„Nein, nein. Natürlich nicht. Wo denken Sie hin?“
Matteo Herzog lachte. Etwas zu laut und unnatürlich. Sein Chef wirkte nicht zufrieden. Er sah ihn mürrisch an. Matteo Herzog lachte noch lauter, schien einen richtigen Lachanfall zu bekommen. Rot anlaufend nickte er seinem Chef entschuldigend zu und entfernte sich schleunigst. Er merkte, dass er sich lächerlich machte. Aber was sollte er tun? Außer Sichtweite der anderen kramte er in seine Jacke und fand einen Kurzen. Den brauchte er jetzt. Schnell kippte er ihn herunter.
Er war extra mit dem Zug gefahren, damit es keinen weiteren Ärger geben konnte. Beim letzten Mal war er der großen Katastrophe nur knapp entronnen.
Nach der Tagung hatten sie wie immer noch kurz zusammengesessen. Alle tranken sie dabei ein paar Bier. Zugegeben. Die anderen tranken nur eines oder höchstens zwei. Bei Matteo Herzog war es wohl ein wenig mehr gewesen. So genau erinnerte er sich nicht mehr.
Sicherlich war nicht der Alkohol Schuld daran gewesen, sondern die bleierne Müdigkeit, die ihn auf der Landstraße plötzlich überfallen hatte. Es war einfach alles zu anstrengend, zu stressig. Er hätte mal Urlaub gebraucht. Doch er bekam keinen. Genau genommen war also sein Chef an allem schuld, der keinen Urlaub genehmigte. Matteo kämpfte mit sich und der Landstraße, als er einen dumpfen Aufprall spürte. Er hatte etwas umgefahren. Oder sogar überfahren? Er hätte anhalten und nachsehen müssen. Aber er dachte, es würde schon nicht so schlimm gewesen sein. Das hätte er ganz sicher gemerkt. Also fuhr er weiter. Er hatte sicherlich zu viel getrunken, um jetzt der Polizei begegnen zu können. Er brauchte seinen Führerschein für seinen Job. Konnte kein Risiko eingehen.
Als er zu Hause ankam, verschwand er nach einer kurzen Begrüßung schnell im Bad. Seine Frau sollte nicht merken, wie durcheinander und zittrig er war. Er hatte ein ungutes Gefühl. Ein kleiner Schnaps beruhigte ihn ein wenig. Es war ja nichts passiert.
Am nächsten Tag beim Frühstück sprang ihm die Unruhe allerdings wieder in den Nacken. Gleich auf der ersten Seite war ein Bild der Landstraße, auf der er gestern Abend heimgefahren war. „Fahrerflucht – überfahrene Frau könnte noch leben!“ stand als Schlagzeile darüber.
Seitdem begleitete ihn eine furchtbare Angst, die ihn daran hinderte, ins Auto zu steigen. Und sie sorgte dafür, dass er immer einen Kurzen bei sich trug. Das war seine Medizin.
Die Wahrheit konnte er Niemandem erzählen.
Die Vorstellung, eine Geliebte zu haben, war wesentlich angenehmer. 


Mit dem Ton der Glocke

Zu diesem Bild ist Margas Text entstanden

Die Glocke erzittert im Wind.
Als wüsste sie, was ihre Aufgabe sei, die sie in einer Minute erneut zu erfüllen hat. Ein weiterer Windstoß und sie beginnt zu schwingen. Sacht erst, dann in immer weiteren Kreisen, bis ihr geöffneter Leib den Schlegel berührt.
Zunächst entfährt ihr ein leises Stöhnen. Beim zweiten Stoß wird sie lauter. Der dritte erzeugt einen durchdringenden Ton, der sich aus dem Glockenraum hinausschwingt und sich bis in die umliegenden Gemäuer ausbreitet.
Die riesigen goldenen Rahmen im alten Herrenhaus gegenüber zittern mit, als wollten sie den Ton in sich aufnehmen und weitertragen.
Heraus aus dieser Welt, hinein in ihre eigene.
Dort schwingt er sich in die Landschaft und umweht sacht die Menschen, denen er begegnet.
Robin dreht sich im Kreis und sieht am Bildrand seine geliebte Gwyneth. Er spurtet ihr hinterher, bis er an die Kante kommt, über die sie soeben gesprungen ist. Verwirrt setzt er sich nieder und blickt in den Raum, der sich nun vor ihm öffnet. Ehe er weiter darüber nachdenken kann, was hier eigentlich vor sich geht, kommt Gwyneth auf ihn zugesprungen. „Wir sind frei“, ruft sie ihm strahlend entgegen und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.
Hinter ihnen kracht es laut.
„Oh verdammt“, stöhnt Aphrodite, die mitten im Raum auf den Holzdielen gelandet ist, als neben ihr mit lautem Getöse Pan auftaucht. Ihm scheint der Sturz von der Decke nichts auszumachen. Er zupft sein Lendentuch zurecht, hebt seine Flöte an die Lippen und beginnt eine sanfte Melodie zu spielen, die Aphrodite sogleich betört. Sie räkelt sich auf dem Boden, streckt ihre Hand nach Pans nacktem Oberschenkel aus und sieht ihn schmachtend an. Wenn es nach ihr ginge, könnte er wieder aufhören zu spielen und sich stattdessen mit ihrem nackten Körper befassen.
Offensichtlich ist ihr gar nicht aufgefallen, dass sie nicht alleine sind. So wie zuvor in ihrer Wiese, umgeben von blühenden Bäumen. Den Duft scheinen sie mitgenommen zu haben, denkt sie. Fliederduft.
Ira beugt sich über die Brüstung aus ihrem Rahmen heraus. Sie traut sich noch nicht, ganz herauszutreten. Das Ganze ist ihr nicht geheuer. Aber der schöne Pan hat auch sie betört. Sie will ihm ihren Fliederstrauß überreichen, als Dank für das schöne Spiel. Doch sie verharrt in der Bewegung und lauscht weiter den wundervollen Tönen.
Robin und Gwyneth zucken nur mit den Schultern und küssen sich erneut. Endlich müssen sie sich nicht mehr nur aus der Ferne anstarren. Endlich konnten sie sich näher kommen. Ganz nah. Genau das, wonach sie sich die ganze Zeit gesehnt haben. Was wollen sie also mehr?
Nur Tamara, die Magd der hohen Herrschaften, weiß nicht so Recht, was sie mit all dem anfangen soll. Sie ist allein, hockt mit gesenktem Kopf auf ihrem Rahmen. Sie ist schwanger. Schwanger von ihrem Herrn. Wurde sie deshalb in dieses Bild verbannt? Ein Bild, das sie in ewiger Schönheit verwahrt, ohne dass ihr Bauch dicker werden würde.
Trotzdem versteht sie das alles nicht. Ganz schnell konnte der Spuk wieder vorbei sein. Dann würde alles wieder so werden, wie zuvor. Sie können nichts dagegen tun. Sie kennt das schon. Die meisten anderen waren neu hier. Für sie war es neu. Nur Pan und Aphrodite sind schon mehrmals von der Decke geplumpst. Aber die sind einfältig. Denken nicht über das nach, was um sie herum geschieht. Machen sich keine Gedanken, ob sie aus der Logik des Lebens ausbrechen. Sie nehmen es einfach als gegeben hin.
Und die Neuen? Von wegen frei. Das ist ein Trugschluss. Eine Scheinwelt. Jeder gehört in sein Bild. Das ist die wahre Welt.
Der letzte Ton von Pan verklingt. Ira lässt den Flieder in seinen Schoß fallen. Er nimmt ihn, bedankt sich, indem er ihre Hand küsst und ihr die Flöte überreicht.
Mit hochrotem Kopf beobachtet sie, wie er sich mit den Blumen über seine Aphrodite beugt und  ihr damit sanft über Brust und Bauch streicht. Von Tamara ist ein erbostes Schnauben zu hören. „Ihr werdet nichts verändern. Ihr werdet schon sehen!“
Überrascht sehen die anderen zu ihr herüber, als sie knarzende Geräusche hinter der Tür vernehmen.  „Da ist Jemand auf der Treppe“, flüstert Tamara. Alle starren gebannt zur Tür.

Schwere Schritte und leichte Schritte.

Das Öffnen der Tür erzeugt einen Luftzug. Die Glocke erzittert und gibt einen sanften Ton von sich. Ein Sog entsteht. Wie eine Luftwirbelung, die alles wieder an seinen Platz zieht.
Der Vater tritt ein mit seinem kleinen Sohn.
„Hast du dir gemerkt, was ich dir gestern zu den neuen Bildern erklärt habe?“
„Ja Vater!“
Die beiden treten näher. Der kleine Junge stellt sich vor das Bild auf der rechten Seite. „Ich finde, die beiden sind sich nähergekommen.“
„Wovon redest du?“
„Schau doch mal, Vater, gestern waren der Mann und die Frau auf dem Bild viel weiter auseinander.“
„Ach was, Junge, das bildest du dir ein. Du hast zu viel Fantasie. In Bildern kann sich doch nichts verändern. Da bleibt alles so wie immer!“
„Aber Vater“, meint der Junge, als er sich dem Bild gegenüber zuwendet, „die Frau hier hatte doch gestern Blumen in der Hand. Und jetzt ist es eine Flöte. Das waren ganz sicher gestern noch Blumen. Und ihre Wangen sind viel röter als gestern.“ Zur Untermalung seiner Worte stampft er mit dem Fuß auf den Boden.
Der Vater zuckt ein wenig zusammen, als er neben seinen Sohn tritt und das Bild in Augenschein nimmt. Doch er schüttelt den Kopf. „Eine Sinnestäuschung. Bilder können sich nicht verändern. Das habe ich doch eben erklärt."
„Hmmm“, der Junge scheint nicht überzeugt, ist aber unsicher geworden. Dann hebt er seinen Blick an die Decke. Zu dem Bild mit den zwei Nackten. „Vater“, beginnt er leise, „schau mal, die beiden da oben. Sie hat lauter Blütenblätter auf ihrem Körper. Sind das nicht die Blumen von der Frau da?“
Der kleine Junge nickt zu der Frau mit der Flöte hinüber.
Der Vater atmet tief und laut ein, sagt aber nichts. Er nimmt seinen kleinen Sohn an die Hand und verlässt eilig den Raum.
Verfolgt von Tamaras hoffnungsvollem Blick, den das Bild nicht mehr vollends hat einfangen können. 


Gerhard und die kleine Lili

Da war sie wieder. Gerhard stand wie gebannt am Fenster und beobachtete das Mädchen in ihrem rosa Kleid. Vor drei Wochen hatte er sie das erste Mal gesehen. Seitdem kam sie fast jeden Tag hierher.
Hüpfend umrundete sie die Bäume, die ein ähnliches Kleid trugen, wie das Kind. Prall gefüllte rosa Blüten, die im üppigen Überschwang den Platz mit rosa überhäuften. Das Mädchen passte perfekt zu ihnen. Ihr knielanger Rock wippte auf und ab, während das Mädchen weiterhüpfte.
Sie war stets allein und schien auf Niemanden zu warten.
Gerhard fand das seltsam. Aber es faszinierte ihn auch. Wie alt mochte sie wohl sein? Gerhard kannte sich nicht aus mit Kindern. Er war stets allein gewesen. Früher allein mit seiner Mutter und seit Beendigung seiner Ausbildung allein in dieser Wohnung.
Mit Frauen hatte er es ebenso wenig wie mit Kindern. Sie irritierten ihn, waren ihm unangenehm. Sie kamen ihm vor wie Wesen von einem anderen Stern. Er war gern allein.
Aber er sah sie sich gerne an. In Zeitschriften oder wenn er von seinem Fenster aus auf den Platz schaute. So wie jetzt gerade, als er das kleine Mädchen beobachtete, das ihn so faszinierte.
Gerade hatte sie sich auf eine Bank gesetzt und blickte, sich leicht hin und her wippend, um. Sie hatte ihre Lippen gespitzt, als würde sie eine Melodie pfeifen.
Das brachte ihn auf eine Idee. Aber dazu müsste er sich vom Fenster wegbewegen. Und das ging nicht. Nicht, solange das Mädchen noch da war. Er musste seine Idee vertagen. Morgen würde sie wiederkommen.
Das Mädchen hatte eine kleine Umhängetasche – in Rosa. Darin kramte sie gerade herum und zog etwas daraus hervor. Ein Geldstück. Kurz legte sie ihre Stirn in Falten, dann lachte sie auf, sprang von der Bank und rannte zu dem Kiosk hinüber. Kurz darauf erschien sie wieder. Mit einem Eis in der Hand, an dem sie genüsslich leckte.
Gerhard fühlte sich eigenartig angezogen. Beobachtete gebannt, wie die Zunge des Mädchens über die helle Masse glitt. Er wollte ihr näher sein. Sie nur aus der Ferne vom Fenster aus zu beobachten, reichte ihm plötzlich nicht mehr. 

Lili trug erneut ihr rosa Kleid. Das trug sie momentan jeden Tag. Momentan musste alles rosa sein. Sie liebte diese Farbe, seit die Bäume auf dem Platz so blühten. Am liebsten würde sie alle Blüten abrupfen, zu einem Berg zusammenschieben und dann hineinspringen, als würde sie baden gehen.
Bald würde das Schwimmbad aufmachen. Darauf freute sie sich schon. Aber jetzt freute sie sich erst mal über die rosa Blüten.
Heute würde sie kein Eis essen können, dafür reichte ihr Geld nicht mehr. Und ihre Mama durfte nicht wissen, dass sie nicht von dem Nachbarn heimgebracht wurde, sondern stattdessen allein von der Schule nach Hause ging und immer auf diesem Platz Pause machte. Sie fühlte sich ganz erwachsen dabei. Das war toll.
Da sie heute kein Eis essen konnte, sah sie sich nach den anderen Leuten um, die hier vorbeikamen und dachte sich aus, wer diese wohl seien und wie sie lebten. Den Jungen mit den wuscheligen Haaren hatte sie schon öfter gesehen. Lili stellte sich vor, dass er ihr Bruder wäre, sie immer ärgern würde, sie eigentlich aber lieb hätte und sie vor allem frechen Jungs beschützte. Sie in den Dreck warf und Erde fressen ließ. Bei dem Gedanken kicherte Lili. Sie hätte gerne einen Bruder. Möglichst einen großen Bruder. Aber leider hatte sie keine Geschwister.
Als der Junge hinter dem Kiosk verschwand, sah sie einen Mann aus einem der Häuser kommen. Er sah komisch aus. Irgendwie unheimlich. Er sah sie an und kam auf sie zu. In der Hand hielt er etwas. Es sah aus wie ein Stock.
Lili hatte Angst und wollte wegrennen. Dennoch blieb sie stehen und starrte ihn an, bis er direkt vor ihr stand.
Das Mädchen hatte ihn gleich gesehen, als er das Haus verlassen hatte. Ihr Lächeln war erfroren. Warum nur? Warum konnte sie ihn nicht anlächeln? Schließlich war er im Begriff, ihr ein Geschenk zu machen. Immerhin rannte sie nicht weg. Sie erwartete ihn. Als er vor ihr stand, lächelte er.
„Wie heißt du?“, fragte er und versuchte, ganz nett und freundlich zu klingen.
„Lili. Und du?“
„Egal. Warum bist du hier ganz allein? Weiß deine Mama davon?“
Das Mädchen errötete und schüttelte langsam den Kopf.
„Egal. Ich will dir ein Geschenk machen.“
Das Mädchen bekam große Augen. Doch anstatt freudig zu lächeln bekam es einen furchtsamen Gesichtsausdruck,  trat einen Schritt zurück und fragte vorsichtig:  „Warum?“
„Weil ich hoffe, dass es dir gefällt und ich es nicht mehr brauche.“ Gerhard hoffte, dass die Ungeduld in seiner Stimme nicht erkennbar war. Er streckte die Hand aus.
Der vermeintliche Stock entpuppte sich als Blockflöte. Lili war neugierig, wollte danach greifen, traute sich aber nicht so recht. Der Mann wirkte so eigenartig und seine Augen flatterten so seltsam.
Dann griff sie nach der Flöte und lächelte.
„Was sagt man denn, wenn man ein Geschenk bekommt?“
Lili zuckte bei dem barschen Ton zusammen und flüsterte dem Mann ein „Danke“ zu.
„Ich möchte dir ein Eis kaufen. Komm mit!“
Er streckte die Hand nach ihr aus. „Du magst doch Eis?“, fragte er als er merkte, dass Lili zögerte. Lili hatte Angst. Aber die Lust auf Eis siegte und so nahm sie die Hand des Mannes und ließ sich von ihm zum Kiosk führen.
Er kaufte ihr das gleiche Eis, das sie am Tag zuvor auch gegessen hatte. „Danke“, flüsterte sie erneut, bevor sie das Papier entfernte.
„Ich muss jetzt nach Hause“, sagte sie sogleich, noch bevor sie angefangen hatte, an ihrem Eis zu lecken.
„Kommt gar nicht in Frage. Setz dich dort auf die Bank. Du isst das Eis hier bei mir. Dann kannst du gehen.“
Dem Mädchen war sichtlich unwohl zumute. Aber es gehorchte. Gerhard wartete gebannt auf die Zunge und auf das sinnliche Gesicht. Doch diesmal schien das Mädchen ihr Eis möglichst schnell verschlingen zu wollen. Alles Reizvolle war verschwunden.
Wut stieg in Gerhard auf.
„Verschwinde, du dumme Göre“, schrie er sie an und schubste sie von der Bank. Ein paar Leute sahen zu ihnen hinüber, sagten aber nichts.
Lili rappelte sich vom Boden auf und rannte so schnell sie konnte davon. Ab dem nächsten Tag wollte sie mit ihren Nachbarn von der Schule nach Hause gehen.


Idee aus Blut

Ich hatte mich beim Rasieren geschnitten. Zunächst merkte ich nur, dass etwas anders war. Gespürt hatte ich nichts. Doch der Blick in den Spiegel zeigte mir die rote Linie, die sich an meinem Kinn bildete. Sie wurde dicker. Es bildeten sich rote Perlen. Klein. Rund. Faszinierend. Als ich das Blut ins Becken tropfen sah, kam mir plötzlich eine Idee.
Ich rannte in die Küche und suchte ein kleines Glas. Ein Schnapsglas geriet in meine Finger. Das dürfte reichen, dachte ich, und ging zurück ins Bad. Meiner eigenen Blutspur folgend, die ich zuvor hinterlassen hatte. Es waren nur einzelne Tropfen. Aber immerhin. Sie ergaben eine Spur.
Als ich wieder vor dem Waschbecken stand, war der Blutstrom längst versiegt. Nichts tropfte mehr. Das Becken war besprenkelt, der Fußboden auch. Auch mein T-Shirt hatte etwas abbekommen.
Aber nun folgte nichts mehr. Der Schnitt war nicht tief genug gewesen.
Erneut nahm ich die Rasierklinge in die Hand und betrachtete sie eine Weile. Wo könnte ich eine ergiebige Ernte erzielen, ohne dass es gleich dramatisch werden würde?
Die Beine.
Die Beine sind gut durchblutet. Das hatte ich als Ersthelfer gelernt. Damals, als ich noch einer geregelten Arbeit nachgegangen war. Das brauchte ich zum Glück nicht mehr. Ich musste meine Tage nicht mehr der öden Gleichförmigkeit überlassen, mich nicht mehr mitten in der Nacht aus dem Bett quälen, um mir dann von irgendeinem Chef sagen zu lassen, was ich zu tun und was ich bis wann fertig zu bekommen hatte.
Das ewig grüßende Murmeltier hatte mir irgendwann zugenickt und mich in die Freiheit entlassen.
Zurück zu den Beinen.
Ich zog meine Hose aus und überlegte, welche Stelle am geeignetsten sein könnte. Oberschenkel. Innenseite.
Ich setzte die Klinge an. Sag, wie die Haut leicht nach innen gedrückt wurde. Aber ich zögerte noch. Sich absichtlich zu schneiden war doch viel schwieriger, als ich gedacht hätte. Daher atmete ich ein paarmal tief durch. Dann zog ich durch.
Nur ein relativ kleiner Schnitt. Den Fuß hatte ich auf die Badewanne gestellt, so dass das Blut frei ablaufen konnte. Ich hielt das Schnapsglas bereit. Doch das Blut zögerte. Genau wie ich zuvor.
Endlich bildete sich die erste Perle. Sie wuchs an. Es begann zu tropfen. Vorsichtig drückte ich um den Schnitt herum und es wurde mehr. Träge purzelten die Tropfen in das Glas.
Ob das reichen würde? Ich vergrößerte den Schnitt noch ein klein wenig. Diesmal fiel es etwas leichter. Sowohl mir als auch dem Blut.
Das Schnapsglas füllte sich. Ich holte ein Pflaster, musste aber feststellen, dass es zu klein war. Also ein Verband. Ich konnte die Jeans problemlos wieder drüber ziehen. Sie war zum Glück nicht allzu eng.
Gut. Ein Anfang.
Ich sah mich um und blieb an dem Spiegel hängen. Ich nahm ihn von der Wand und schleuderte ihn auf den Boden. Wie erwartet, zerfiel er in tausend Scherben. In unterschiedlichen Größen. Ich sammelte alles, was mir brauchbar erschien, ein. Vorsichtig. Um mich nicht in die Finger zu schneiden.
Als nächstes ging ich an meine Haare. Sie waren sowieso zu lang. Ich schnitt sie ab. Fing sie auf und legte sie sorgfältig auf ein Tablett, gemeinsam mit den anderen kleinen Schätzen.
Feierlich balancierte ich das Tablett in den Nebenraum. Mein Atelier. Die Leinwand stand schon bereit und wartete auf mich. Meine Vision war schon fast fertig in meinem Kopf. Doch etwas fehlte noch. Kaffeesatz. Der war noch von heute Morgen in der Kaffeemaschine.
Perfekt. Damit konnte ich arbeiten.
Es wurde mein interessantestes Bild. Das fand nicht nur ich. Es bekam einen zentralen Platz in meiner Ausstellung und wurde ständig bewundert, obwohl ich auf der Tafel daneben erklärt hatte, wie es zustande gekommen war
Oder gerade deswegen?