Anette Torrini

Auch Anette ist schon sehr, sehr lange in meinem Kurs und ich bekomme Woche für Woche die Gelegenheit, ihren teils sehr skurrilen und immer wieder sehr originellen Geschichten zuzuhören.


Feierabend

Bild von Sabine Gieshoff (www.sabinegieshoff.de). Mit freundlicher Erlaubnis.

Ein langer, anstrengender Tag liegt hinter ihr. Sechzehn Stunden auf den Beinen. Organisieren, kümmern, reden, lächeln, sie hat das Gefühl, ihre Mundwinkel nie mehr anheben zu können. Beim kleinsten Versuch spürt sie schmerzhaft jeden Gesichtsmuskel, es zieht bis zu den Kiefergelenken.Aber – der Tag ist gut gelaufen, alle waren zufrieden, und ihr Chef hat ihr, als er aufgebrochen ist, mit einem Augenzwinkern etwas von einer „kleinen Anerkennung“ ins Ohr geraunt. Sie ist sehr froh, dass es zu spät ist, um sich noch auf den Heimweg zu machen und dass sie daher hier in diesem schicken Hotel übernachten kann.In einem kleinen Café hat sie sich ein Sandwich geholt, hat es auf ihrem Hotelzimmer rasch verschlungen und liegt nun mit einem Buch in der gigantischen Badewanne, die zu dem gigantischen Bad in ihrem luxuriösen Hotelzimmer gehört. Der samtige Badeschaum duftet dezent nach Zitronengras und Orangenblüten, und sie freut sich darauf, diese prachtvolle Badewanne später noch in einen anregenden Whirlpool verwandeln zu können.Versonnen lässt sie den Tag noch einmal an sich vorüber ziehen und kichert beim Gedanken an ihren Kollegen Manuel vergnügt vor sich hin. Seit Wochen schon versucht er, ihr näher zu kommen, und auch heute hat er sich auffällig oft in ihrer Nähe aufgehalten. Wann immer es ging, hat er sich an ihre Seite geschlichen und dabei auch mehr oder weniger unauffällig Körperkontakt gesucht.Beinahe hat sie sogar das Gefühl, dass sein Arm auch jetzt wieder ihren Ellbogen streift. Unwillkürlich hebt sie den linken Arm aus dem Wasser und schüttelt ihn. Jetzt will sie diesen Tag aber wirklich beiseite schieben und versucht, sich auf ihr Buch zu konzentrieren.Ihr rechtes Knie juckt ein wenig. Beinahe so, als sei ein kleines Insekt darüber gekrochen. Vielleicht eher ein kleiner Fisch? Sie muss grinsen. Der Tag ist wirklich lang gewesen! Wie sonst könnte sie auf die Idee kommen, dass sie die Wanne gerade mit einem Fisch teilen könnte? Der Fisch ist gerade an ihrem linken Oberschenkel vorbei geschwommen, eine Flosse hat sie leicht berührt. Und dann spürt sie wieder Manuels Hand an ihrem linken Ellbogen.Diesmal ist es nicht nur eine leichte Berührung, die ihrer vielleicht etwas überreizten Fantasie entspringt, nein, diesmal hat sie Fingerspitzen gespürt, sie hat Fingernägel gespürt, gefühlt, wie die Finger an der noch etwas unebenen Narbe oberhalb des Ellbogens ganz kurz, kaum spürbar, innegehalten haben.Sie zuckt zusammen, zieht den Ellbogen näher an sich heran, setzt sich auf und schiebt vorsichtig den samtigen Badeschaum zur Seite, bis sie auf den Grund der Wanne sehen kann. Nichts. Ihr ist dennoch ein wenig unbehaglich zumute. Sie überlegt, ob sie ihr Bad beenden sollte, schimpft sich dann aber überdreht und ein wenig plemplem und lässt noch etwas warmes Wasser in die Wanne nachlaufen.Als sie sich zurücklehnt und wieder nach ihrem Buch greift, spürt sie etwas an ihrer rechten Kniekehle. Und diesmal ist sie sich sicher – es sind Finger, es ist eine Hand, die sich um ihr Knie schiebt und dann rasch ihr Schienbein hinab bis zum Fußknöchel gleitet. Erschrocken schreit sie auf, will ihr rechtes Bein zur Seite schieben, doch kann sie es nicht aus dem festen Griff um ihren Knöchel befreien.Voller Angst versucht sie, die Hand um ihren Knöchel mit dem anderen Fuß zur Seite zu stoßen, doch dann ist da eine zweite Hand, die auch den linken Fuß umklammert, glitschige Finger betasten ihre Oberschenkel, legen sich auf ihren Bauch, schieben sich auf ihre Brüste. Drei Hände, vier Hände, fünf, sie weiß nicht, wie viele es sind, es werden immer mehr, sie ziehen an ihr, halten sie fest, sie schreit, sie wehrt sich, sie kann sich nicht mehr bewegen.Mit einem lauten Knall zerbirst die Lampe an der Decke. Spitze Glassplitter regnen auf sie hinab. Es wird stockfinster. Ein scharfes Knacken, Blasen steigen in der Wanne auf, bringen das Wasser zum Brodeln, noch mehr Hände greifen nach ihr, sind überall, bis schließlich lange, dünne Finger beinahe zärtlich ihren Hals hinauf streichen, die zarte Stelle hinter ihrem Ohrläppchen liebkosen, sanft in ihre Haare greifen und dann ihren Kopf mit einem harten, festen Ruck in das brodelnde Wasser ziehen …


Wollongong

Ich bin in Wollongong. Das liegt in Australien. Ziemlich weit irgendwo, knapp oberhalb von nirgendwo und dann noch einmal etwa ein paar Kilometer mehr oder weniger Richtung hier und da, kurz bevor es ungefähr links abgeht nach überall.
Ich bin hungrig. Und wenn ich hungrig bin, dann ist meine Laune nicht sehr gut. Ich bin durstig. Und wenn ich hungrig und durstig bin, dann ist meine Stimmung noch schlechter. Ich bin müde. Und wenn ich hungrig und durstig und müde bin, dann gibt es fast kein Wort, das meine Laune beschreiben kann.
Vielleicht trifft abgrundtief-kohlrabenschwarz-grottig-sprich-mich-bloß-nicht-an-und-lass-mich-um-Himmels-willen-in-Ruhe-Fresse-halten-reiz-mich-nicht-schlecht meine Stimmung am besten.
Hungrig, durstig, müde, in Wollongong. Überall Abkürzungen auf den Straßenschildern. Princess HWY, Burelli ST. Globe LN – so ein riesiges Land und nicht genug Buchstaben für anständige Straßenschilder...
„In der Kenny Street gibt es ein China-Restaurant“, sagt Ramses.
Wie kann man sein Kind nur Ramses nennen, denke ich zum zigmillionstenmal, seit ich ihn kenne.
Ich nehme ihm die Straßenkarte aus der Hand. „Wo denn?“
„Da unten“, sagt Ramses und deutet mit seinem Finger irgendwo unten auf die Karte, ohne genau hinzusehen.
Na, das kann ich leiden! Da unten! Irgendwo zwischen Sydney und dem Südpol oder was? Die Kenny Street muss eine ziemlich lange Straße sein, außerdem heißt das hier in Wollongong nicht Kenny STREET sondern Kenny ST. Weil es nicht genügend Buchstaben gibt.
Die sind alle draufgegangen für das China-Restaurant. Als ob so etwas wie „Lotus“ oder „Peking“ oder „Mandarin Duck“ nicht reicht. Ich habe das Restaurant, das Ramses meint, auf der Karte gefunden. Und es heißt „Fortuna Palace Chinese Seafood Restaurant.“ Das wird ein Laden sein... Palace! Und daneben das Piktogramm eines Bechers mit Strohhalm und ein Hamburger.
McShingShangShong mit Seafood. Da kocht wohl Spongebob Schwammkopf. Klabbenbulgel sußsauel.
„Nein danke, mir ist nicht nach chinesisch. Hier wird es ja noch etwas anderes geben?!?“
Ramses studiert die Karte. „Weiter oben auf der Kenny Street ist ein Vietnamese. Wie ist es denn damit?“
Das meint er jetzt nicht ernst, oder? Vietnamese, Chinese, wo ist der Unterschied? Alles gleich, alles Schlitzaugen. Ein bisschen Mitdenken ist diesem Möchtegern-Pharao offensichtlich nicht zuzumuten!
„Nein, auch kein Vietnamesisch! Es wird hier doch ein wohl ein vernünftiges Restaurant zu finden sein, in dem nicht Herr Ling, Frau Ping oder Herr Pingpong am Herd stehen?!?“
Ramses seufzt und schaut mich mitleidig an. „Du hast wirklich richtig Hunger, meine Süße, oder?“
Meine Süße! Das kann ich gerade nun gar nicht vertragen! Und Mitleid schon mal überhaupt nicht! Ich will etwas essen, etwas trinken und mich ausruhen!
„Dann lass‘ uns ins Grand Hotel gehen, mein Schatz. Das ist gleich da vorne an dem Friseurgeschäft links die Straße rein.“
Jetzt ist er vollkommen übergeschnappt! „Sind wir Krösus?!? Grand Hotel! Der gnädige Herr will es jetzt wohl vornehm?!“
Ramses schaut mich an. Ganz ruhig sagt er: „Dann eben nicht.“ Und nach einer kleinen Pause: „Das war’s dann...“, dreht sich um, geht die Straße hinunter, steigt in den Mietwagen und fährt weg.
Das ist nicht zu fassen! Was für ein Idiot! Ist nicht in der Lage, ein Restaurant zu finden und lässt mich dann hier eiskalt stehen! In Wollongong. HUNGRIG! DURSTIG! MÜDE!


Ein Tag im Februar

Beim Einsteigen am Gate in Genf habe ich mich angesichts der Menschen- und Handgepäckmassen auf einen erneuten Flug mit Sardinendosen-Gefühl eingestellt und mich über mich selber geärgert, einen Fensterplatz ausgewählt zu haben. Ein Platz am Gang würde zumindest einseitige Armfreiheit bedeuten. Und einen ungehinderten Weg zur Toilette.
Bis zur letzten Minute habe ich kritisch jeden Passagier beäugt und war dann hocherfreut, als alle saßen und ein genuscheltes „Boarding completed“ über die Lautsprecher zu hören war – und der Platz neben mir frei geblieben ist! Armfreiheit. Beinfreiheit. Und niemand neben mir, der ausladend Tageszeitung liest, schnarcht, stöhnt, röchelt oder unentwegt an einem Furunkel oder Ekzem in seinem Gesicht herumkratzt.
Sonnenschein, glasklare Luft und eine atemberaubende Sicht über die schneebedeckten Alpen. Tiefe innere Ruhe. Einfach nur schön! Unglaublich beeindruckend! Beinahe unwirklich, welch imposante Landschaft unter uns vorbeizieht. Graue, schroffe Hänge, gleißende Schneefelder, Wälder, Straßen, winzige Häuser in enge Täler gedrängt. Weit entfernt am Horizont erahne ich Wolken, gierig starre ich weiter aus dem Fenster, will jede Sekunde, jeden Quadratmeter einsaugen, aufnehmen, fest in mein Gedächtnis brennen.
Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht, der Kapitän spricht mit sonorer Stimme von 32.000 Fuß, und ich will immer hier oben bleiben. Himmelherrgott, ist das schön!
Ein Snack wird angeboten, ich nehme dankend an. Abendbrotzeit. Eine durchsichtige Plastikbox. Ich sehe ein paar kleine Brezelchen, eine hellgelbe Masse, ein paar Stückchen paniertes Fleisch darauf. Bayerische Schnitzelbox. Mit einer winzigkleinen weißen Plastikgabel mit ausklappbarem Griff.
Ich schaue aus dem Fenster. Die Alpen. Strahlender Sonnenschein. Ein wunderbares Stück Schöpfung. Beeindruckende geologische Formationen. Egal, wie ich es betrachte, es ist atemberaubend, imposant, schön, wunderbar! Und ich muss lachen.
Denn ich sitze hier in 10.000 Metern Höhe und esse Kartoffelsalat aus einer bayerischen Schnitzelbox. Und komme mir mit meiner kleinen weißen Klappgabel unglaublich albern vor...