Ute Hiemann

Ute ist eine der neueren Teilnehmerinnen in der Mittwochsgruppe. Sie schreibt mit viel Begeisterung und bringt Leben in die Gruppe. Ich hoffe, hier noch viele Texte von ihr einstellen zu können.


Wünsch Dir Was

Ich sitze hier in einem Café, welches mich vage an die Filme aus den sechziger Jahren erinnert. Die Luft ist dunstig vom Zigarettenrauch. Im Hintergrund erklingt Kaffeehausmusik, gespielt von einem Pianisten. Kleine, runde Holztische mit Spitzendeckchen und Trockenblumensträußchen stehen entlang der Fensterfront. Je nach Tischgröße stehen zwei oder vier geschwungene Holzstühle mit braun-beige gestreiften Polstern anbei. Die kleinen Sprossenfenster sind bis zur Hälfte mit gerüschten, gelblichen Gardinen verhängt und die beidseitigen Dekoschals greifen das Muster der Polsterstühle auf. Mein Blick streift über den gebohnerten, dunkelbraunen Holzfußboden zur gegenüberliegenden Theke, in deren Glasvitrine köstlich aussehende Torten präsentiert werden.
Bevor ich mich von meinem Platz erhebe, um an die Kuchentheke zu gehen, fällt mein Blick auf meine Füße: Beigefarbene Pumps aus Lackleder mit halbhohen, breiten Absätzen beleidigen meine Augen. Und wieso trage ich blickdichte Seidenstrümpfe dazu? An meinen Händen befinden sich weiße Spitzenhandschuhe und neben mir liegt eine dunkelgrüne Handtasche.
Ich greife mit zitternden Fingern nach der Handtasche und öffne sie. Der Inhalt kullert auf den Tisch und neben Puder, Lippenstift, Erfrischungstüchern und Geldbörse findet sich ein Etui mit einem Ausweis. Die Frau auf dem Foto ähnelt der, die mich aus dem Spiegel an der gegenüberliegenden Garderobe ansieht. Ich lese den Namen: Viktoria X. Komisch, das kann doch kein Ausweis sein, ohne Geburtsdatum und mit nur einem Buchstaben als Nachnamen. Bevor ich weiter darüber grübele, stehe ich entschlossen auf und gehe an die Theke. Ich brauche dringend einen Kaffee und ein Stück Torte.
Dort steht ein Ehepaar, bereits ergraut und etwas füllig. Sie bestellen als Getränk Wiener Melange und nehmen dazu jeder ein Stück Sachertorte, obwohl er lieber Frankfurter Kranz gegessen hätte. Nachdem ich schmunzelnd ein ebensolches gewählt habe, setze ich mich an den Nachbartisch, um dem Gespräch des Ehepaares zu lauschen. Bei dieser Gelegenheit schaue ich noch einmal in den Garderobenspiegel. Eine Frau mit den Falten einer Siebzigjährigen, grau gelockten Dauerwellen und braun kariertem Kostüm starrt mich an. Das soll ich wohl sein, als alte Frau.
Ich rücke ich meinen Stuhl unauffällig nah an den Rücken des Ehemannes am Nachbartisch und entnehme dem Gespräch, dass er lieber in Frankfurt leben würde. Seine Frau war eine geborene Wienerin und ein Leben lang hatten sie hier in Wien gelebt.
Ich bin verwirrt und nehme einen Schluck Kaffee. Hm, das belebt und der flüssige Schokoladenkern dieser Sachertorte zerschmilzt auf meiner Zunge. Mir wird ganz leicht und ich wünsche mir wieder einmal, in Wien zu leben, mit einem an Kultur interessierten Mann an meiner Seite. Na, der Zug ist leider für mich abgefahren, da ich voll und ganz in meinem Beruf aufgehe. Wenn ich allerdings im Ruhestand wäre und einen Mann an meiner Seite hätte … aber das hatten wir ja schon. Dies ist ohnehin ein Traum und ich genieße Schluck für Schluck und Bissen für Bissen, bevor der Wecker mich in die reale Arbeitswelt zurückholen wird.
Gerade als ich mich erheben will, um zu schauen, was mich vor der Tür des Cafés erwartet, tritt ein Herr mit grauen Schläfen und einem maßgeschneiderten dunklen Anzug vor mich. Er bietet mir seinen Arm an und spricht mit einer angenehmen Stimme zu mir:
„Hier entlang, bitte.“
Gespannt folge ich ihm. Hinter der Kuchentheke treten wir durch eine Holztür in einen Raum, der mich überrascht aufschreien lässt. An einer Vielzahl von Computern sitzen Frauen und Männer, die mit einem kurzen Blick zur Tür die jeweils eintretenden Personen zu sich winken. Jeder scheint zu wissen, für wen er zuständig ist.
„Berlin, Paris, London“, höre ich, und ein Herr ruft dem Ehepaar, welches uns gefolgt ist, zu: „Sind Sie sich einig geworden?“
Mich ruft eine korpulente Dame zu sich.
„Hurtig, hurtig, Ihr Herzenswunsch ist ein Leben als Ruheständlerin mit einem Mann, der kulturelle Interessen pflegt, richtig?“
Ich blicke sie verwirrt an.
„Ja, aber ...“
Sie lässt mich nicht zu Wort kommen und richtet ihre Ansprache an meinen Begleiter: „Kleidung, Ausweis und Wohnort bereits ausgewählt, wie ich sehe.“
Dann wieder an mich gewandt:
„Sie haben Glück, für Wien stehen nur noch die Herren Y und Z zur Verfügung. Ihr Ehemann, Herr X, wird Ihnen alles Weitere erklären. Der Nächste bitte!“
Sie winkt augenrollend dem Ehepaar hinter mir zu, welches sich anscheinend gegen Frankfurt entschieden hat.
Herr X nimmt meinen Arm und geleitet mich zurück ins Café. Nachdem wir uns gesetzt haben, schaut er mich lächelnd an: „Sie hatten an Ihrem Arbeitsplatz einen Herzinfarkt. Willkommen im Paradies Ihrer Träume.“