Frank Werner

Seit September 2012 besucht Frank die Schreibgruppe im Backhaus in Bremthal. Er ist der einzige Mann und lässt sich davon nicht verunsichern.
Mit großer Faszination beobachte ich, wie sich seine Sprache immer weiter entwickelt, wie er seiner Phantasie folgt, wie er sicher und ohne zu zweifeln schreibt, weil es ihm ein tiefes Bedürfnis ist.
Ich freue mich sehr, dass er sich jetzt auch entschlossen hat, seine Texte mit einer breiteren Öffentlichkeit zu teilen.


Rollenspiel

zu diesem Bild ist Franks Text entstanden

Auf diesem Platz verharrte sie nun schon fast eine Stunde. Ihr eiserner Wille würde sie noch viele Umkreisungen des großen Zeigers lang dort festhalten. Regungslos, fast gefühllos. Der goldbestückte Barockbilderrahmen drückte schmerzhaft in ihr Hinterteil. Passend zu den anderen Modellen des Ensembles hatte man auch sie zu einer historischen Figur werden lassen.
Das helle, fast weiße Leinenkleid mit der ockergelben Schärpe und der passenden Stoffkappe sollte sie, laut Künstler, zu einer gutbürgerlichen Marktfrau des 19. Jahrhunderts machen. Ihre leicht vor sich hin sinnende Körperhaltung, mit dem auf den Handteller aufgestützten Kopf hatte man ihr auch vorgegeben. Für die Betrachter dieses Stilllebens sollte sie die Beobachterrolle innehaben. Sie hatte alles im Blick, konnte jeden kontrollieren, ohne die Augen schweifen lassen zu müssen.
Auch ihre Position, ganz hinten im Raum, war kein Zufall, sondern Absicht. Der Abstand zu den Museumsbesuchern sollte so groß gehalten werden, dass es keinem auffallen würde, dass eines der sechs Meisterwerke ein lebendes, atmendes Objekt war. Schön und erhaben waren sie alle.
Der Jüngling, der wohl durch das Fenster zu seiner Geliebten gekommen war.
Dann die liebliche Rapunzel mit mit dem langen Haar, welche der stramme Bursche leidenschaftlich küsste.
Die nackte, augenscheinlich erschöpfte Brünette, die, wie Gott sie erschaffen hatte, ermattet nach einem wohl anstrengendem Liebesspiel, andächtig dem Flötenspiel ihres ebenso leicht bekleideten Gespielen lauschte.
Und schließlich die aus dem Bild auftauchende Blondine, die den Musiker mit duftenden Blumen auf sich aufmerksam machen wollte.
Sie versuchte möglichst flach und gleichmäßig zu atmen. Nicht aus der Rolle fallen. Viele Stunden war sie dem Museumskurator hinterhergelaufen. Hatte gebettelt und gefleht. Schon als sie die Ausstellung letzte Woche zum ersten Mal besuchte, war sie fasziniert gewesen. Diese Figuren hatten etwas so Erhabenes, und es würde sie selber erhöhen, wenn sie dazu gehören würde. Dieser Plan wurde zur Manie. Sie musste einfach ein Teil dieses Kunstwerkes werden!
Nachdem sie alle Bedenken der Verantwortlichen zerstreut hatte, war heute der große Tag. Nichts ließ sie aus der Rolle fallen, so wie sie es versprochen hatte. Sie ignorierte das Kitzeln des Staubes, die Hitze der Scheinwerfer, die Schweißperlen auf ihrer Stirn und den ausgetrockneten Rachenraum. Es störte sie weder die leise Hintergrundmusik noch der Lärm des nahen Busbahnhofs und auch nicht das Vorbeitoben einer Schulklasse. Wieder gingen staunende Besucher an dem Absperrseil vorbei. Jetzt lief auch der schmunzelnde Kurator an der Grenze zum Gang entlang. Mit einem zufriedenen Grinsen betrachtete er die Wachsfiguren. Und mit besonderem Wohlwollen begutachtete er die einzige lebende Puppe, die wortwörtlich eine gute Figur machte.


Im Tunnel

Klack, klack, klack ratterten die eisenbeschlagenen Stahlräder des Glacierexpresses auf den Schienen. Manchmal ertönten klirrende und scheppernde Laute, wenn der Zug über eine Weiche fuhr. Gleichzeitig war auch im Hintergrund das Murmeln von Stimmen zu vernehmen, Sitznachbarn, die sich verbal miteinander austauschten.
Diese Geräuschkulisse, die angenehme Raumtemperatur und der weiche Stoff des Polsters waren so anschmiegsam, wohlig, einlullend und ermüdend, dass er tief und fest einschlief und in Morpheus Armen traumlos dahintrieb. Seine Hände im Schoß gefaltet, sein Oberkörper leicht nach hinten gerutscht und sein Kopf mit der blonden Mähne nach links abgeknickt über der Kopfstütze. Ein dünnes Rinnsal Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel, tropfte auf die Armlehne, um dort einen kleinen See zu bilden.
Als der Zug plötzlich seine Geschwindigkeit verlangsamte und gleichzeitig eine blecherne Lautsprecherstimme erklang, wurde er unsanft mit einem Ruck aus dem Schlaf gerissen. Er wusste nicht sofort, wo er war und strich sich fahrig eine Haarsträhne aus der Stirn. Die Stimme teilte mit, dass sie gleich in irgendeinem Bergdorf, dessen Namen er nicht richtig verstanden hatte, anhalten würden.
Als er die Augen öffnete sah er nichts!!
Eine tintige Schwärze, die weiterhin alle Geräusche an sein Ohr dringen ließ, aber nicht eine Kontur, nicht ein Licht preisgab, umfing ihn. Panik machte sich in ihm breit und Verzweiflung überfiel ihn. Nicht jeder würde bei Dunkelheit so extrem reagieren, aber auch nicht jeder hatte seine Vorgeschichte.
Damals, als Fünfzehnjähriger, das Experiment im Chemieunterricht ... Der Blitz der Explosion vor seinen Augen. Die kühlenden, undurchsichtigen Verbände.
Sieben Tage im Krankenhaus bei völliger Blindheit. Der Arzt hatte ihm das Vorhandensein eines Schutzengels bescheinigt. Er hatte sein Augenlicht behalten, oder es zumindest wiederbekommen.
Und nun!!
Seine Panik verstärkte sich ins Unermessliche. Waren das Spätfolgen? War er nun endgültig blind?
Er wollte gerade wie von der berühmten Spinne gestochen aufspringen, schloss stattdessen noch einmal die Augen, fuhr mit der Hand über dieselben. Riss sie bis zum Anschlag wieder auf und sah die wunderbare Landschaft der Schweiz an den Panoramascheiben vorbeiziehen.
Der kurze Lichtausfall war vorbei und die Bahn war soeben wieder aus dem Tunnel in die freie Natur der Berge zurückgekehrt …