Andrea Conrad

Andrea ist noch nicht ganz so lange im Kurs, kommt aufgrund ihrer langen Anfahrt auch nicht wöchentlich. Aber wenn sie kommt, dann ist sie wirklich da!
Wir lernten uns auf einer meiner Schreibreisen an der Nordsee kennen, an der sie als Teilnehmerin dabei war.


Im August ist ihr erster Roman Gefährliche Liebe unter dem Hakenkreuz erschienen! Die Idee dazu hatte sie bei einer meiner Aufgaben in der Schreibwerkstatt. Ich freue mich sehr, dass ihr Buch jetzt veröffentlicht ist!

Hier gibt´s einen Artikel in der Neuen Binger Zeitung zu Andreas' Buch zu lesen.


Absturz

Sie stand auf dem Balkon und prostete in den Himmel. Der Weißwein funkelte in der untergehenden Sonne wie ein Diamant. Jedes Jahr – seit nunmehr drei Jahren – wiederholte sich die Zeremonie. Immer am 13.08. Man hätte die Uhr nach ihr stellen können. Pünktlich um 15.00 Uhr betrat sie den Balkon, hob das Glas bedächtig in den Himmel, schloss die Augen für einen kurzen Moment, bewegte stumm die Lippen, stürzte dann den Inhalt des Glases auf Ex hinunter, schüttelte sich wie ein begossener Pudel und ging dann wieder ins Haus.
Auch dieses Jahr ging sie, mit dem für sie widerlich sauren Geschmack im Mund, ins Wohnzimmer und setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch. Doch diesmal tat sie das, was sie seit dem 13.08. vor drei Jahren vorhatte. Sie begann zu schreiben:

Seit drei Jahren habe ich nun meine Ruhe vor diesem alten Drachen. Und trotzdem meine ich manchmal noch ihre Stimme zu hören. “Helina, bring mir doch bitte mal die Zeitung' – und das Bitte war selten gewesen.
„Helina, es zieht! Schließ das Fenster.“
„Helina, lass den Kühlschrank nicht so lange aufstehen. Das kostet so viel Strom.“
Klar kostete das Strom. Aber den Weißwein, den meine Mutter sich literweise, ja fässerweiser, über die Jahre hinweg in ihren schrumpeligen Hals gekippt hatte, der zählte nicht. Diese Kosten wurden in ihrer Kosten-Nutzungsrechnung einfach nicht gebucht – doppelte Buchführung der ganz persönlichen Art.
Mit fast fünfzig Jahren seine 3-Zimmer-Wohnung mit der Mutter zu teilen, die sich die Bezeichnung Mutter nie erarbeitet hatte, eigentlich gebührte mir eine Auszeichnung, das Bundesverdienstkreuz am Bande - mindestens.
Ich kann mich noch gut an den Abend des 29.07. vor drei Jahren erinnern. Klaus war gerade in mein Leben getreten. Zaghaft. Vorsichtig. Man konnte sagen, der große Fußzeh hatte sich seinen Platz erkämpft und ich begann mich auf den Rest zu freuen. Trotz, oder gerade wegen der ständigen Feuerstöße, die der alte Drachen in seine Richtung abschoss. Der zweite Zeh grub sich gerade, mit der Absicht zu verharren, in meine Existenz, als Klaus von einer Feuersbrunst getroffen wurde, die ihm mehr als die Zehen versengte. Meine Mutter hatte ihn bloßgestellt, ausgezogen bis auf die Haut. Während eines Besuchs bei uns und eines Toilettengangs seinerseits, war sie ihm gefolgt, hatte die Tür aufgerissen, ihn einer eingehenden Betrachtung unterzogen, um dann laut loszulegen:
„Was wollen Sie denn damit?“ Ich hatte gehört, dass der Urinstrahl schlagartig versiegte. „Ist der überhaupt lebensfähig, so klein wie der ist?“
„MAMA!“, mein Aufschrei hatte sie nicht im Geringsten berührt. Seelenruhig schob sie ihren arthrosegeschüttelten Körper an mir vorbei und sagte: „Was willst du mit so einer Witzfigur? Damit produziert man keine Enkel!“
Ich schluckte meinen Kommentar, dass ich aus dem Alter sowieso raus war, hinunter und starrte Klaus an. Der kam, wieder züchtig bekleidet, mit einem Kopf so rot wie eine Tomate aus der Toilette und blieb vor mir stehen.
„So geht das nicht. Entweder sie oder ich.“ Dann war er gegangen und hatte mich mit meinem Problem allein gelassen. Zwei Tage später schenkte er mir die Karte für die Ballonfahrt. Damit ich mal die Perspektive wechseln könne. Die Welt von oben sehen – um eine Lösung zu finden.
Wie hatte ich nur so naiv sein können, dem Drachen davon zu erzählen? Oder – eigentlich war es ja genau das richtige gewesen.
„Du und Ballonfahrt?! Du machst dir doch schon auf dem Kettenkarussell in die Hose!“, mit diesem Kommentar war meine Möglichkeit die Perspektive zu wechseln Schnee von gestern und die Karte bei ihrer neuen Besitzerin gelandet.
Im Nachhinein gesehen – Danke! Wer auch immer da seine Finger im Spiel gehabt hat – Danke!
Der Korb des Fesselballons war bei der Landung umgekippt und der Gott der Gasflaschen hatte ein Einsehen gehabt, indem er das Feuer des Drachens gelöscht hatte. Ohnmächtig von dem Zusammenstoß war sie mit dem Gesicht in einer Pfütze gelandet und unbemerkt von dem Chaos, das ausgebrochen war, am Brackwasser erstickt. Kein teurer Weißwein, der ihr den Abgang versüßt hatte. Nein, abgestandenes Wasser, das ihr Feuer zum Verlöschen gebracht hatte.

Sie legte den Stift hin und sah aus dem Fenster in die glutrot untergehende Sonne. Drei Jahre Ruhe vor dem Drachen!
„Helina, holst du mir bitte noch ein Bier? Die Sportschau fängt gerade an.“


Das Tattoo

Jetzt steh ich hier. Sechs Monate habe ich auf diesen Termin gewartet. Sechs Monate, die mir unendlich vorkamen und jetzt dann doch in einer rasenden Geschwindigkeit vergangen sind.
Das Sofa gibt ein lauf vernehmliches „Pfff“ von sich, als ich mich setze. Setzen? Ich versinke geradezu darin. Die Knie fast an den Ohren. Gut so – dann kann ich sie leichter mit den Händen umfassen. Sie festhalten. Ihnen Halt und Festigkeit geben. Unbemerkt meine schwitzenden Finger an meiner Hose abstreifen. Himmel – wie bin ich nur auf diese bekloppte Idee gekommen?! Die Tür, die sich öffnet, bringt einen kalten Luftzug. Lässt mich erschaudern. Lenkt mich von meinem nervösen Zittern ab. Das ganzkörpergepiercte männliche Wesen geht an den Tresen. Selbstbewusst. Siegessicher erklärt er, welche Stelle noch metallfrei ist. Wo noch Platz wäre für ein weiteres Ringelchen.
Ob er sich in einen multifunktionalen Springbrunnen verwandelt, wenn er Flüssigkeit zu sich nimmt?
Das freundliche „Pfff“ ertönt erneut, als das Metallmännchen sich mir gegenüber hinsetzt. Das ärmellose Strickkleid kommt hinter dem  Tresen hervor. Flächendeckende, bunte Tattoos so weit man sehen kann. Es verschwindet in dem angrenzenden Raum. Das sirrende Geräusch wird lauter, als sie die Tür öffnet. Setzt sich in meinen Ohren fest. Verbindet sich mit meinem Tinnitus zu einem nervenzerreibenden Konzert.
Eine Lochjeans mit Netzhemd kommt aus dem Raum. Eine regelrechte Metamorphose von Strickkleid und Metallmännchen. Farbig von Kopf bis Fuß. Gepierct bis zum Anschlag. Mein Mund wird zur Kalahariwüste, als ich die Implantate unter der Haut erkenne.
Verstohlen, mit zittrigen Fingern, hole ich mein Handy hervor. Halb unter dem Sakko verborgen suche ich fieberhaft nach der Selbstanruffunktion. Derweil nimmt Lochjeans meine Witterung auf. Kommt unwiederbringlich näher. Grinst – in meinen Augen ein diabolisches Grinsen – satanisch.
„Der Tattootermin? Bist du das?“
Ich bewege den Kopf von oben nach unten, von rechts nach links. Alle Richtungen gleichzeitig. Ein Auge auf der Lochjeans und dem Strickkleid, das aus dem Raum zurückkommt. Ein Auge auf das Display getackert.
Da – endlich – die Rettung: Selbstanruffunktion. Mein Daumen verfärbt sich weiß, so fest drücke ich die Funktionstaste. Was ich lese ist: Akku leer.
„Na, dann wollen wir mal.“
Das Sofa holt laut vernehmlich Luft, als ich mich erhebe, um mich meinem Schicksal zu ergeben.


Es geht weiter – irgendwie

“Jetzt komm schon, Klärchen, es regnet und ich will nach Hause.“ Bärbel war stehen geblieben und sah zu ihrer Tochter zurück, die verträumt und stolz ihren neuen Puppenwagen schob. Sie hatte keine Ahnung, wie ihr Mann Jupp es geschafft hatte, diesen zu organisieren. An dem Gesicht des Kindes konnte sie sehen, dass selbst ihr klar sein  musste, dass es im Frühjahr 1945 nicht leicht war, solch ein Spielzeug zu besorgen. Stolz spiegelte sich in dem kleinen Antlitz wider. Besonders die Ummantelung der Räder mit Gummi hatten es Klärchen angetan. Vollkommen geräuschlos glitt das Gefährt über den Bürgersteig. Selbst die alte Puppe im Wagen schien Würde auszustrahlen. Klärchen, hör auf zu träumen und komm endlich!“, Bärbel wurde langsam ungeduldig. Karl-Josef, ihr jüngerer Sohn hing an ihrer Hand und zerrte daran herum. 
„Mami, ich muss mal.“
„Klärchen, jetzt beeil dich doch. Sonst ist Karl-Josef nicht nur von außen durchweicht.“
„Ja, Mama, ich komme.“ Die zu Affenschaukeln geflochtenen Haare hüpften lustig um Klärchens Kopf, als diese auf ihre Mutter zugelaufen kam. Bärbels Herz wurde trotz der schwierigen Bedingungen, die die Kriegsjahre mit sich brachten, warm. Immerhin hatten sie noch eine Wohnung, die sie ihr Eigen nennen konnten. Sie war nicht groß, aber gemütlich. Ihr kleines Königreich für sie und ihre Familie. Sie lächelte ihrer Tochter zu, als diese sie erreicht hatte und legte ihr die Hand auf den oberen Rücken, um sie die steile Straße hochzuschieben. Plötzlich zerriss der schrille Ton der Sirene die Luft. Bärbels Nackenhaare stellten sich auf: Fliegeralarm! In der Ferne konnte man das todbringende Geräusch der feindlichen Maschinen bereits hören.
„Kinder, lauft! Wir müssen in den Luftschutzkeller!“
Sie verstärkte den Druck auf dem Rücken ihrer Tochter und griff fester nach Karl-Josefs Hand.
Hoffentlich würde Jupp ebenfalls rechtzeitig in einen Keller gelangen, überlegte sie, während sie mit ihren Kindern die Straße hinaufstürmte. Das Brummen, das langsam über den Binger Wald kroch, wurde unerbittlich lauter.
Atemlos war Bärbel vor dem Haus angekommen. „Ihr bleibt hier stehen. Verstanden! Ich hole nur schnell unsere Sachen und dann müssen wir weiter.“
„Nein!“, der Aufschrei der Kinder kam wie aus einem Mund. Wenn die Situation nicht so bedrohlich gewesen wäre, hätte Bärbel lachen müssen. Es war selten, dass ihre beiden Kinder einer Meinung waren. Sie schüttelte den Kopf und sah sie streng an: „Ihr wartet hier!“
„Nein, Mutti“, Klärchen stand mit Tränen in den Augen vor ihr. „Wir wollen nicht hier warten. Wir haben Angst alleine.“
„Nun gut“, Bärbel musste bereits gegen das Brummen der Flugzeugmotoren anschreien. „Aber der Puppenwagen bleibt hier.“
Sie zog die Kinder hinter sich die Treppe hoch in die Wohnung. Mit eingespielter Routine hechtete jeder der Drei in verschiedene Ecken der Behausung, um die Habseligkeiten zu holen. Bärbel griff gerade nach ihrem Koffer, als es einen ohrenbetäubenden Knall gab und das ganze Gebäude schwankte. Ein zweiter Knall folgte und dann wurde es dunkel um sie. Staub und Zementpartikel setzten sich in ihrem Mund fest. Unter ihren Füßen vermisste sie die Bodenhaftung. Sie hustete und spuckte. Mit einer Hand fuhr sie sich durch das Gesicht und versuchte sich zu orientieren. Sie steckte zwischen zwei Etagen im Boden fest, unmöglich sich alleine zu befreien. Das Haus existierte in seiner ursprünglichen Form nicht mehr. Draußen vor dem Haufen aus Steinen, Wänden und Balken fielen weiter Bomben. Flakfeuer war zu hören. Sie versuchte verzweifelt, einen Laut zu erhaschen, der ihr sagte, dass ihre Kinder noch am Leben waren. Ein leises Wimmern drang an ihr Ohr.
„Karl-Josef!“ Sie schrie gegen den Lärm des Krieges an „JOSEF!“
„Mami, zu dir. Hab Angst!“
„Bleib ruhig. Es wird alles gut. Ich verspreche es Dir.“
Von ihrer Tochter blieb ein Lebenszeichen aus. Verzweifelt lauschte sie den Geräuschen von draußen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis die Motoren der Flieger leiser wurden und die Sirenen Entwarnung gaben. Der letzte Ton war gerade verklungen, und Bärbel begann panikartig nach Hilfe zu schreien. Sie befürchtete bereits, dass ihre Stimme versagen würde, bevor man sie bemerkte, als eine Männerstimme ihr antwortete. Der Sprache nach musste es ein russischer Kriegsgefangener sein. Es dauerte nicht lange und weitere Stimmen drangen zu ihr durch.
„Gott sein Dank. Der Suchtrupp.“ Sie schickte ein Stoß- und Dankgebet in den Himmel.
Schutt und Geröll wurden weggeräumt. Hände griffen nach ihr, befreiten sie und zogen sie ans Tageslicht. Geblendet von der Sonne, sah sie sich um. „Karl-Josef? Klärchen?“
Ein Mann kam auf sie zu, den weinenden Jungen im Arm. Bärbel drückte ihren Sohn erleichtert an sich. „Meine Tochter? Wo ist meine Tochter?“
„Der Sanitäter kümmert sich bereits um sie. Sie ist ohnmächtig.“ Der Mann griff nach Bärbels Arm und drückte ihn. „Die Kleine hatte einen riesigen Schutzengel. Über ihr hatten sich zwei Balken gekreuzt und sie so vor den einstürzenden Wänden geschützt. Ihr ist nichts passiert.“
Tränen der Erleichterung liefen Bärbel über die Wangen.
„Mami. Flieger alles butt demacht.“ Karl-Josef schluchzte und zog die Nase hoch.
„Ja, das haben sie.“ Mit dem Ärmel ihrer Jacke wischte sie ihrem Sohn die Nase ab. „Aber wir leben.“
Im Krankenhaus wurden sie und ihre Kinder untersucht und verarztet. Wie durch ein Wunder waren sie mit geringen Verletzungen dem Inferno entkommen. Jupp kam kreidebleich vom Schreck bei seiner Familie an. Umarmte alle gleichzeitig und weinte vor Erleichterung.
Tage später stand Bärbel vor den Trümmern, die einst ihr kleines Reich beherbergt hatten. An der Stelle, an der Klärchen und Karl-Josef auf sie hätten warten sollen klaffte ein riesiger Bombenkrater. Oben auf dem Haufen aus Steinen, zersplittertem Mörtel und zerfetzten Kleidungsstücken fand sie ein Rad von Klärchens Puppenwagen mit einem Stück Achse daran. Sie schubste das Rädchen an, das sich zu drehen begann. Es würde weitergehen. Die Welt würde sich weiterdrehen. Irgendwie. Und dieser verdammte Krieg konnte ja nicht ewig dauern.