Andrea Brachmann

Andrea ist mittlerweile auch schon seit einigen Jahren mittwochabends dabei. Es ist immer wieder spannend, ihren spritzigen Texten zuzuhören, und ihr norddeutsches Naturell bereichert die Gruppe sehr.


Die Schreibblockade

Dieses vermaledeite schneeweiße Blatt Papier! Es strahlt zu grell! Es blendet mich! So sehr, dass meine Augen schon brennen. Es springt mich an, engt mich ein, schnürt mir die Kehle zu und raubt mir die Luft. Dann wiederum treibt es mich unerwartet an, lässt mich nervös und fahrig werden. Ich schreibe irgendetwas, gekritzelte Worte, völlig unbedeutend, ziellos!
Hauptsache, schwarze Buchstaben bevölkern endlich diese weiße Seite! Das soll wohl helfen!
Doch die gleißende Fläche erschreckt, greift wortlos an, plustert sich auf und vereinnahmt viel zu viel Raum!
Eine Eingebung – „Hilfe“ – ich brauche händeringend eine Idee! – Und zwar schnell – jetzt – sofort!
Mein Schädel brummt, die Augen flackern, die Füße wippen auf und ab. Nichts steht still!
Die Uhr an der Wand tickt erbarmungslos. Zeit – „Hilfe“ – die Zeit verrinnt!
Mein Hirn ist hohl und leer. Ich weiß gar nichts mehr, kratze mich an der Stirn. Hoffnungslos!
Ich fahre mir durch die Haare, massiere meinen Skalp. Alles vergebens!
Ich kaue auf dem Stift. Habe Holz im Mund und Stroh im Kopf! Meine Lage ist erbärmlich!
Ich rutsche von der linken auf die rechte Pobacke, strecke das linke Bein, ziehe das rechte heran. Wiederhole all das, diesmal umgekehrt. Ramme beide Arme in meine Hüfte und lasse mich nach hinten fallen. „Was für ein Affentheater!“ Erstaunlich: Der Sessel spielt mit!
Ich schiebe den Stuhl nach hinten, lege die Beine auf den Tisch! Unmöglich – so kann man nicht schreiben! Es sei denn … mit den Füßen!? Wie ein Akrobat … Ja!
Ja, endlich – das ist es doch! DIE zündende Idee vom Schreibzirkus!
Es klingelt                  von vorne                   ein Glöckchen            in der Hand der Kursleiterin: „Nur noch eine Minute!“
Plötzlich beginnt mein in langen Jahren selbst gezüchtetes Buchstabenpferd zu galoppieren.
Spürbar befreit es lauernde Ideen aus versteckten Windungen meines Gehirns, fliegt leichtfüßig über die bleiche Papierwüste hinweg und schleudert Wort für Wort darauf hernieder. Gemeinsam springen wir mit vereinter Kraft über die letzte Hürde.
„Doch wo ist das Ziel? Wo das Ende? Wo die Pointe?“ „Verdammt! Wo bleibt der Witz?“
„Andrea, bist du fertig?“ fragt die Leiterin erbarmungslos.
„Ja, ja“, stammle ich, den Schweiß im Nacken spürend: „VÖLLIG … fertig!“