Eigene Kurzgeschichten

Abschied

Mitten in der Nacht erwachte sie und setzte sich ruckartig auf. Hatte sie ein Geräusch gehört oder war ihr pochendes Herz auf den Traum zurückzuführen, aus dem sie gerade aufgetaucht war?
Angestrengt lauschte sie der Dunkelheit. Die Uhr an der Wand tickte laut. Ihre Augen gewöhnten sich an das von der Nacht fast ganz verschlungene Licht und sie konnte verschwommene Formen erkennen.
Der Raum war ihr nicht vertraut. Es war das erste Mal, dass sie hier schlief. Es gab kein Geräusch, außer dem seines ruhigen Atems. Oder doch? Ein feines Quietschen. Gleichmäßig. Unangenehm.
Behutsam beugte sie sich über ihn, von wo das Geräusch kam.
Im Schlaf arbeiteten seine Kiefer. Es klang fast so, wie wenn man mit den Fingernägeln über eine Schultafel kratzte. Sie starrte ihn an. Ungläubig.
Schnarchen hätte sie ja vielleicht ertragen können. Aber das?
Sie spürte, wie die Spitzen der Töne die Haare auf ihren Armen aufrecht stellten. Fürchtete, ihre Zähne würden anfangen wehzutun. Nervenentzündung.
Seufzend legte sie sich zurück in die Kissen. Das Lächeln, das den ganzen Abend, und auch am Beginn der Nacht auf ihrem Gesicht gelegen hatte, war aus ihren Zügen verschwunden. Behutsam streckte sie die Hand aus, strich eine Strähne seines langen Haares aus seinem vom Schlaf verschlossenen Gesicht. Hoffte, ihre Berührung würde ihn sich entspannen lassen.

Nach Monaten endlich war sie hier bei ihm.
Endlich hatte er sie wahrgenommen, hatte er sie in die Arme genommen. Hatte er sie geküsst. Er hatte sie gefragt, ob sie die Nacht bei ihm verbringen wollte. Aufgeregt und mit wild hämmerndem Herzen hatte sie eingewilligt. Berauscht von seiner Nähe. Von seinen warmen, braunen Augen, von den Versprechungen, die sein Körper gemacht hatte.
Hier, in seinem Bett dann, hatten sie sich gegenseitig ausgepackt wie kostbare Geschenke, hatten sich ineinander vertieft.
Sie hatte seine Männlichkeit in sich aufgesogen und hatte ihm ihre ganze Weiblichkeit gezeigt. Ineinander waren sie aufgegangen, hatten sich aufgelöst. Wie ein Wesen waren sie gewesen. Und sie hatte sich verzweifelt gewünscht, dass diese Nacht, von der sie so lange vergebens geträumt hatte, nie enden solle.
Er hatte ihre geheimen Wünsche erfüllt und sie war in einer Wattewolke des Glücks geborgen gewesen. Des reinen, echten Glücks. Begleitet von großem Staunen darüber, dass sie ihn sehen durfte, ihn berühren, dass er sie sah und bei sich wollte. 
Jetzt hörte sie das Knirschen seiner Zähne. Seine warmen Augen waren geschlossen. Der Schlaf hatte ihn ihr aus den Armen gerissen.
Sie berührte seinen nackten Oberkörper. Die wenigen Haare auf seiner Brust. Schob die Bettdecke ein wenig zur Seite, um ihn im schwachen Licht, dass die Laterne draußen durch die Ritzen des Rollladens schob, anzusehen.
Er erschien ihr unendlich schön. Wie er so reglos dalag, bemerkte er ihre neugierige Suche nicht. Quietschte weiter mit den Zähnen. Dieses leise Geräusch erschien ihr unnatürlich laut und die Gänsehaut, die es ihr verursachte, verließ sie nicht.
Sie kuschelte sich hilflos an ihn. Kroch in seine Wärme zurück, versuchte, wieder in den Schlaf zu finden. Zurück zu ihrem Glück des Abends. Sie schloss die Augen. Roch den Geruch ihrer beiden Körper, der den Raum erfüllte. Sie war bei ihm! Bei ihm!
Sie versuchte zu lächeln. Es misslang. Das Ticken der Uhr schob die Sekunden voran. Seit einer Stunde schon lag sie wach neben ihm.
Sein Zähneknirschen war das Geräusch, mit dem die Welt sich langsam weiterdrehte. Ein unerträglich quälendes Geräusch. Es quälte sie. Sie konnte nicht einschlafen.
Noch bevor sie selbst begriff, was sie tat, stand sie vorsichtig auf und suchte ihre Kleidung, zog alles an: Die Unterwäsche, den Rock, das T-Shirt, die Jeansjacke, die Schuhe.
Erinnerte sich daran, wie er ihr die Sachen in umgekehrter Reihenfolge, sie immerfort küssend, vor so kurzer Zeit erst, ausgezogen hatte.
Dann öffnete sie leise die Tür. Blickte sich noch einmal nach ihm um. Konnte ihn aber in der diffusen Dunkelheit nicht mehr erkennen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, umfing sie die Stille.
Es war vorbei. Das Knirschen seiner Zähne hatte für sie aufgehört.
Sie hätte es keine Minute mehr ertragen können.
Sie trat in den dämmernden Morgen hinaus. Die Vögel begannen gerade, den kommenden Tag zu besingen.
Die Luft war noch angenehm kühl um ihre nackten Beine. Sie fühlte sich schwer vor Müdigkeit. Der Alkohol des Vorabends floss noch durch ihre Adern. Das, was er in ihr zurückgelassen hatte, sickerte träge aus ihr heraus. Sie schloss die Tür ihres alten, kleinen Autos auf und setzte sich auf den Fahrersitz. Startete den Wagen. Klappte das Seitenfenster auf.
Der Fahrtwind wehte ihr durch die Haare, die nicht halb so lang und schön waren, wie die seinen. Als sie losfuhr, sah sie im Rückspiegel noch lange das Haus, in dem er schlief.
Sie machte die Kassette an, die sie auf der Fahrt zu ihm gemeinsam gehört hatten.
Und als sie an einer Ampel erneut in den Rückspiegel schaute, bemerkte sie erst, dass sie weinte. 


Gregors Hoffnung

Gregor Lost fährt zusammen. Die Klingel. Hat er sich geirrt, oder hatte gerade tatsächlich die Klingel geläutet? 
Er presst die Augen, die er im Schreck aufgerissen hatte, umgehend wieder zusammen. Sein Herz rast. Und er fragt sich, was er jetzt tun soll. Aufstehen, die Tür öffnen, jemandem ins Gesicht sehen? Im Ausdruck dieses Gesichtes erkennen, dass er fürchterlich aussah? Das wusste er auch ohne es in den Augen eines Anderen gespiegelt zu sehen. Er konnte sich riechen. Konnte den Raum riechen. Niemand musste ihm mitteilen, dass er heruntergekommen war, dass diese Tatsache schon auf den ersten Blick bemerkbar, mehr noch, unübersehbar war.
Er legt seinen Kopf auf das Kissen zurück. Es ist etwas feucht. Er hatte nicht gut geschlafen. Wo das Kissen seine Wangen berührt, hört er seinen Bart schaben. Er will nicht aufstehen. Jetzt nicht und auch später nicht.
Es klingelt erneut. Diesmal ist es nicht mehr so überraschend. Sein Herz verlangsamt seinen Schlag, jetzt wo er entschieden hat, die Tür nicht zu öffnen.
Wer wird es schon sein? Jemand, der ein Paket für die Nachbarin abgeben will. Oder der Prospekteverteiler, der einfach nur in den Hausflur zu den Briefkästen gelangen muss. Zu ihm hatte lange niemand mehr gewollt.
Als es draußen dunkel wird, steh er auf. Er muss zur Toilette, er kommt nicht umhin, die Füße auf den kalten, klebrigen Boden zu stellen. Seine Hausschuhe kann er nicht sehen. Sucht auch nicht länger danach. Ein kurzer Blick, kein Erfolg, Ende des Versuchs. So hält er es mit den meisten Dingen in seinem Leben.
Hatte ihn diese Einstellung dahin gebracht, wo er jetzt war?
Er stellt sich über sein Klo und lässt sein Wasser laufen. Ein paar kleinere Spritzer treffen sein Bein. Es ist ihm gleichgültig. Er vergißt abzuspülen. Trottet, den Spiegel als Blickrichtung vermeidend, aus dem Bad. Betritt die Küche. Es ist düster. Nur die Straßenlaternen pressen ein wenig Licht durch die schmutzige Scheibe. Er öffnet den Kühlschrank und findet nichts darin. Er ist vollkommen leer. Nicht mal ein Glas Senf oder eine Tube Tomatenmark lassen sich darin entdecken.
Er setzt sich an den Tisch, schiebt mit den Ellenbogen das Geschirr zur Seite, muss ein wenig Kraft aufwenden, da es festklebt.
Er würde sich anziehen müssen, um zum Supermarkt zu gehen. Ein bisschen Geld hat er noch, glaubt er. Es ist erst der 7. Da sollte zur Not auch auf seinem Konto noch ein Rest von seiner Sozialhilfe zu finden sein.
Er zieht sich an. Eine Jogginghose liegt über dem Stuhl in seinem Schlafzimmer. Ein Hemd auf dem Boden davor. Ich müsste dringend auch mal in den Waschsalon, denkt er - und vergißt es.
Er zieht seinen Wohnungsschlüssel aus dem Türschloss, steckt ihn ein, und geht. Den Briefkasten bedenkt er mit einem kurzen Blick. Er würde ihn nachher leeren müssen. Sieht voll aus.
Erstmal etwas zum Essen besorgen.
Im Supermarkt blenden ihn das Licht und die Leute. Sie sind alle so hell. Strahlen. Wie aus der Fernsehwerbung kommen sie ihm vor. Haben die alle nichts Besseres zu tun, als sich herauszuputzen? Er schlurft durch die Gänge. Ein paar Dosen Thunfisch, Ravioli, einige Packungen Toastbrot, Spaghetti, Kaffee, Ketchup, Apfelnektar. Kein Alkohol. Alkohol trinkt er nicht mehr. Er hatte eingesehen, dass er damit nicht klarkommt. Damit nicht auch noch.
17,23 Euro wollen sie dafür haben. Für zwei Plastiktüten voll. Aber damit sollte er immerhin ein paar Tage auskommen. Er geht an seiner Sparkassenfiliale vorbei, ohne sich einen Kontoauszug zu ziehen. Er will sich den Tag nicht noch mehr ruinieren.
Jetzt liegt noch der Briefkasten vor ihm.
Er öffnet ihn und steckt den gesamten Inhalt zu den Einkäufen in eine der Tüten. Ein Zettel fällt ihm ins Auge. Eitergelb. Unter anderem mit der Hand beschriftet.
In der Wohnung lässt er sich erneut in der Küche auf den Stuhl fallen und zieht den Zettel hervor. „...konnte Sie leider nicht antreffen.“ Peter Zwang, Gerichtsvollzieher. Ein neuer Termin ist auch angegeben.
Gregor seufzt. Scheiße, auch das noch.
Gedankenfetzen schwirren durch seinen Kopf. Katharina, die ihn verlassen hatte. Die Sauferei. Die Kündigung. Die Bewerbungen, die Ablehnungen. Die Isolierung. Es ist so viel passiert. Und letztlich doch eigentlich nichts. Ihm ist passiert, dass nichts passiert ist. Das nichts gelungen ist. Dass er nur noch hier ist, in seiner Wohnung, dass er kein Glück mehr hat, dass er allein ist. Und müde. Er trinkt einen Schluck Apfelsaft und nimmt sich eine Scheibe Toastbrot aus der noch vollen Packung. Zu mehr hat er jetzt keine Energie.
Der Stapel mit den Briefen bleibt ungeöffnet in der Tüte liegen.
Er kann nicht mehr. Der Tag ist ihm zu viel.
Der Gerichtsvollzieher. Was soll er jetzt tun?
Er lässt sich auf sein Sofa fallen. Nimmt die Fernbedienung in die Hand und schaltet den Fernseher ein.
Bunte Leute, wie die im Supermarkt, bevölkern den Bildschirm. Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. Er hat jetzt einen Bart. Ungeplant. Seine Haare sind fettig, das kann er fühlen. Ob er noch Shampoo hat? Er sollte dringend duschen, sich auch um die Wohnung kümmern. Aber er ist zu erschöpft.
Lustlos kaut er auf dem Toastbrot herum. Es schmeckt nach nichts. Seine Zähne fühlen sich schrecklich an. Das gekaute Brot schabt vielleicht wenigstens ein wenig des Belags von ihnen.
Er hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn er jetzt einfach wieder einschliefe. Einschliefe und nicht mehr aufwachen würde. Er ist wertlos. Niemand braucht ihn - außer um zu versuchen, ihm etwas zu pfänden, und niemand interessiert sich für ihn. Niemand ruft ihn jemals an. Er greift kurz nach dem Hörer des Telefons, das neben ihm auf dem Sofa liegt. Er drückt auf die grüne Taste und das Freizeichen ertönt. Noch haben sie es ihm nicht abgestellt. Noch könnte ihn jemand anrufen. Wer weiß wie lange noch. Hat er denn die letzte Rechnung bezahlt? Hat er eine bekommen? Er kann sich nicht erinnern. Aber als sein Blick auf den Stapel Papiere auf dem Wohnzimmertisch fällt, resigniert er beim Gedanken daran. Er öffnet seine Post nur sporadisch.  Nur, wenn er einen wirklich guten Tag hat. Und mit dem Öffnen eines Briefes ist der Tag danach auch meist nicht mehr gut. Und die Kraft, Überweisungen auszufüllen und zur Bank zu bringen, oder sich mit seiner Sachbearbeiterin vom Sozialamt auseinanderzusetzen, bringt er hinterher auch nicht mehr auf.
Von seinem Fenster aus kann er direkt auf das Garagendach blicken. Eine große Garage, in der viele der Mieter ihre Autos unterstellen. Schmutzig, grau und wellig dehnt sich die weite Teerfläche vor ihm aus. Im Sommer flimmert die Hitze darüber. Im Winter bildet der Schnee schnell vermatschte Flächen. Hinter dem Dach ist die Straße mehr zu ahnen als zu sehen. Grün gibt es für Gregor Lost nicht, wenn er aus dem Fenster schaut.
Jetzt aber gibt es doch etwas Anderes als welligen Teer, etwas Zusätzliches:
Eine kleine Katze tapst über die weite Fläche. Sie maunzt. Das kann er sehen, nicht hören, da sein Fenster, wie immer, geschlossen ist. Er möchte von der Welt nicht mehr als nötig mitbekommen. Deshalb öffnet er es nur in Notfällen.
Die kleine Katze sieht verloren aus. Und sie berührt etwas in ihm.
Seine Augen folgen ihr. Sie ist weiß. Kein einziger dunkler Punkt verunziert ihr Fell. Sie geht immer wieder nahe an den Rand des Daches heran und kurz darauf vorsichtig, wie nur Katzen gehen können, rückwärts zurück. Sie findet offenbar keinen Weg hinunter. Ihr Mäulchen öffnet sich, obwohl nichts zu hören ist, kann er sich ihre Stimme, ihr jämmerliches, verzweifeltes Weinen genau vorstellen. Er richtet sich auf. Bewegt sich langsam auf das Fenster zu. Beobachtet sie noch einen Moment. Für eine so kleine Katze ist der Sprung nach unten zu gefährlich. Wie sie wohl nach oben gekommen ist?
Seine Hand greift nach dem Fenstergriff. Und noch bevor er ganz verstanden hat, was er im Begriff steht zu tun, hat er es geöffnet.
Das Tier erstarrt. Die kleinen, grünen Augen fixieren ihn. Kein Muskel regt sich. Beide sind vollkommen still; Gregor und das weiße, fellige Wesen.
Gregor atmet kaum. Er spürt einen kleinen Windzug, der etwas wie frische Luft in seine Wohnung bringt. Zumindest setzt automatisch ein Austausch der Luft ein. Ungewollt.
Der kleine Windzug bewegt auch die weißen Haare der Katze. Sie blinzelt. Gregor blinzelt.
Leise schnalzt er mit der Zunge. Er hatte nicht vorgehabt, dieses Geräusch von sich zu geben. Er tut es dennoch ein weiteres Mal.
Die Katze spitzt die Ohren.
Erneutes Zungenschnalzen. Seine Finger bewegen sich vor seinen Körper, aus dem Fenster heraus, reiben aneinander, als würde er jemandem zeigen, dass es um Geld geht. Ein leises Geräusch entsteht.
Die Katze kommt einen Schritt näher.
„Komm, Miezmiez ...“ Noch ein Zungenschnalzen.
Die Katze kommt noch näher. Er sieht die kleine, rosa Nase schnuppern. Hält ihr seine Hand entgegen, damit sie an ihm riechen kann. Ihm fällt erneut unangenehm sein eigener Geruch auf. Hoffentlich vertreibt er die Katze nicht damit. Wenn die Katze kommt, wenn sie an ihm schnuppert, wenn sie vielleicht sogar zu ihm hereinkommt, dann wird er sich für sie duschen, das nimmt er sich vor.
Sie kommt. Sie schnuppert an seinen Fingern. Seine Nägel sind lang. Für einen Augenblick betrachtet er sich wie durch fremde Augen, wie durch die Augen dieser Katze. Doch sie scheint nicht abgeschreckt zu sein. Unvermittelt bringt ein Schnurren den ganzen Körper zum Vibrieren. Und sie reibt ihr Fell an seiner Hand. Langsam und vorsichtig bewegt er seine Finger, krault sie hinter dem Ohr, fühlt ihre flauschige Wärme und ein kleines Lächeln bringt ihm seine eigenen Gesichtszüge in Erinnerung. Er kann sich nicht erinnern, wann er das zuletzt gelächelt hat.
Eine Hand und ein Katzenkörper lernen sich behutsam kennen. Wärme und Weichheit und Geborgenheit und ein zartes Glück begleiten diesen Augenblick und für Gregor ist es, als hätte jemand eine klitzekleine Tür in ihm aufgestoßen. Und als würde durch den dadurch entstandenen Spalt ein kleines Licht in ihm aufgehen, ihm Wärme schenken, die sein verfrorenes Inneres antauen könnte.
Er nimmt sie auf den Arm und sie schmiegt sich an ihn. Er streichelt, sie schnurrt. Sie sieht ihn mit großen Augen an. Und in ihnen kann er nicht das sehen, weswegen er Menschen schon lange nicht mehr ins Gesicht schauen mag. Sie sieht ihn an. Sie sieht ihn. Ganz unkompliziert. Mit ihr gemeinsam setzt er sich auf sein Sofa und sie rollt sich auf ihm zusammen. Schnurrt, spielt ein wenig, schnurrt wieder, schläft bald ein. Ihre Wärme durchflutet ihn jetzt und er spürt, dass diese Katze ihn nun braucht. In diesem Moment. Er muss sich um sie kümmern. Er wird sie erst noch ein wenig schlafen lassen und dann wird er aufstehen und für sie ein weiteres Mal an diesem Tag einkaufen. Sie muss essen und er muss das Essen für sie besorgen.
Seine Augen suchen die Uhr. Wie spät mag es sein? Wie lange hat der Supermarkt überhaupt geöffnet? Kann er noch etwas für sie kaufen gehen? Er hat schon lange nicht mehr auf die Uhr gesehen. Die Uhrzeit hat ihn lange nicht interessiert. Er erinnert sich aber an ein Leben, in dem die Uhrzeit eine Rolle gespielt an: Auf der Schule, auf der Universität, auf der Arbeit. Verabredungen.
Als die Welt noch in Licht getaucht gewesen, bevor alles um ihn herum dunkel geworden war.
21:35 Uhr. Da. Die Uhr ist zu sehen. Sachte schiebt er den kleinen Körper von seinem Schoss, legt ihn auf ein Kissen. Und steht auf. Die Katze wacht nicht auf. Leise geht er aus der Wohnung. Am Briefkasten fällt ihm der Zettel vom Gerichtsvollzieher wieder ein. Sofort ist die Last wieder da. Und doch läuft er weiter.
Er kauft kleine Döschen Katzenfutter, Katzenstreu, nimmt einen Karton mit, den sie als Klo benutzen kann. Er wird ein richtiges Klo kaufen müssen. Heute ist es dazu zu spät. Auch für sich kauft er jetzt noch etwas mehr ein. Hat plötzlich Lust, es sich heute ein bisschen gut gehen zu lassen. Auf dem Heimweg hält er bei der Sparkasse an, zieht einen Kontoauszug. 227,43 Euro hat er noch. Besser als nichts. Für den Gerichtsvollzieher wird das allerdings kaum reichen.
Zuhause kommt ihm die Katze entgegen. Sie maunzt, streicht um seine Beine. Er beugt sich zu ihr, nimmt sie auf den Arm. Erzählt ihr, dass er Essen für sie gekauft hat und ein Klo wird sie auch bekommen. Dann setzt er sie hinunter, geht in die Küche, sucht einen sauberen Teller im Schrank und gibt ein wenig von dem Futter darauf. Stellt ihn vor sie. Und sie fängt sofort an zu schmatzen. Ein Schüsselchen mit Milch bekommt sie auch noch. Sie sieht glücklich aus. Er streichelt sie noch einmal und lässt sie dann in Ruhe. Geht ins Bad. Zieht die stinkenden Sachen aus, wirft sie auf den großen Berg Kleidung, der schon in der Ecke liegt, und geht in die Dusche. Er steht unter dem heißen Wasser und fühlt sich lebendig. Seift sich von Kopf bis Fuß ein und spürt, wie der Gestank, der Schweiß und auch ein Teil seiner Verzweiflung in den Abfluss gespült werden.
Nach dem Duschen rasiert er sich. Es ist kein Rasierschaum mehr da. Aber mit Seife geht es auch, zwar nicht gegen den Strich - aber das macht nichts. Fürs Erste ist auch das erst mal genug. Danach putzt er sich noch die Zähne. Und sieht sich im Spiegel an. Er sieht eine Erinnerung an sein altes Selbst. Er lächelt.
Als er das Bad verlässt, ist das Kätzchen wieder auf dem Sofa eingeschlafen. Er hofft, dass sie noch nicht gepinkelt hat. Geht ins Schlafzimmer, zieht sich ein frisches T-Shirt, eine frische Unterhose und eine frische Jogginghose an, und macht ihr dann ihr provisorisches Klo fertig. Wird sie es begreifen?
Dann setzt er sich neben sie, nimmt sich einen Block und einen Stift und schreibt sich eine To-Do-Liste. Waschsalon, Spülen, Saugen. Das wird für den morgigen Tag erstmal reichen. Er wird nicht drum herum kommen, auch seine Post zu öffnen. Irgendwann.
Heute nicht. Er streichelt die Katze. Wie du wohl heißt, meine Kleine? Ich muss dir einen Namen geben.
Hope, so will ich dich nennen.
Etwas beißt in seinen Fuß. Erschrocken zieht er ihn zurück unter die Decke. Braucht einen Moment, sich zu sammeln und öffnet die Augen. Hope, da ist sie. Sie grinst ihn an. Können Katzen grinsen? Sie maunzt. Hunger. Er wird aufstehen müssen, um sie zu füttern. Es kommt ihm vor, als hätte er nur sehr kurz geschlafen. Niemals hätte es ihn normalerweise jetzt schon aus dem Bett getrieben. Hope kommt nah an sein Gesicht, schnuppert an seiner Nase, der kleine Luftzug kitzelt. Er streichelt ihren Kopf, doch sie will lieber spielen als schmusen. Also spielt er mit ihr. Was seinen Händen ein gestreiftes Muster schenkt. Es tut ein bisschen weh. Aber sie sieht glücklich aus.
In der Küche stürzt sie sich aufs Essen und das Katzenklo wirkt benutzt. Er lächelt erneut. Auch das hat also funktioniert. Er bereitet sich selbst ein Frühstück zu, und während er darauf wartet, dass der Kaffee durchläuft, weicht er schon die erste Ladung schmutzigen Geschirrs im Waschbecken ein.
Zwei Wochen später sind die beiden ein eingespieltes Team. Hope hat sein Leben völlig auf den Kopf gestellt und Gregor fängt an, sich ihm wieder zu stellen. Seine Wohnung ist noch unordentlich, aber nicht mehr verdreckt, er steht früher auf, kümmert sich um seine Angelegenheiten. Er hat seine Post geöffnet. Es grenzt an ein Wunder, dass er noch Strom hat. Dass noch Wasser aus der Leitung kommt.
Er muss zum Sozialamt. Und der Termin mit dem Gerichtsvollzieher steht kurz bevor. Der wird nicht viel pfänden können.
Gregor hat einige Bewerbungen geschrieben. Im Augenblick fühlt er sich stark genug zu arbeiten. Wenigstens einige Stunden. Er will seine Katze nicht zu lang allein lassen. Es ist noch zu früh für die ersten Antworten. Und doch ist er ungeduldig. Auf einmal erwartet er den Postboten, leert seinen Briefkasten regelmäßig.
Sein Telefon klingelt. Er erschrickt, starrt es an und nimmt ab.
„Hallo?“
„Gregor?“
„Mama?“
„Junge, was machst du? Warum meldest du dich nicht? Mir geht es nicht gut.“
Er spürt, wie sich ein Klumpen Gram in seinem Magen verhärtet.
„Was ist los, Mama?“
„Ich kann nicht mehr.“
Er hört sie weinen.
„Was ist denn?“
„Ich will auch nicht mehr. Es ist alles sinnlos. Hilf mir ...“
Sie schluchzt. Er spürt, wie er sich verkrampft. So ist es immer, wenn er mit ihr spricht. Sie nimmt ihn nicht wahr. Meldet sich nur, wenn sie was braucht. Das hat er nie gemacht, auch wenn er noch so bedürftig war. Das hat er gelernt, durch das Verhalten seiner Mutter, dass er nicht andere mit in sein Drama hineinziehen will.
„Sag mir doch erstmal, was passiert ist.“
Sie sagt nichts. Heult jetzt lauter. Auf einmal legt sie auf.
Er betrachtet den Hörer einen Augenblick, sagt noch einmal „Mama“, doch sie ist nicht mehr da. Erwartet von ihm, dass er kommt, dass er für sie einkauft, oder sie zum Arzt bringt? Schon als er klein war, hat sie ihn mit runtergezogen. Mit ihrem Trinken, mit den kaputten Männergeschichten. Sie hat ihm nie eine Chance gegeben, Kind zu sein.
Er hat sich früh von ihr distanziert. Und lange Jahre schien es ihm auch gut damit zu gehen. Bis die Geschichte mit Katharina passierte und er von einem Schlittern ins Rutschen kam.
Hope springt auf seinen Schoß. Hope. Seine kleine Hoffnung.
„Soll ich zu ihr gehen?“, fragt er sie leise. Sie antwortet nicht. Schnurrt. Bohrt ihre kleinen, spitzen Krallen genüsslich in seine Oberschenkel.
Er klingelt. Er wartet. Klingelt erneut. Hält sein Ohr an die Haustür. Doch natürlich ist aus ihrer Wohnung im dritten Stock nichts zu hören. Er sucht nach ihrem Schlüssel an seinem Schlüsselbund. Schließt die Tür auf. Betritt das Haus. Ihr Briefkasten ist übervoll. Er beachtet ihn nicht. Spürt, dass seine Hände feucht werden. Er will ihr nicht begegnen, und doch konnte er nicht anders und musste hier herkommen.
Stufe für Stufe steigt er die Treppen hinauf. Ständig gegen den Wunsch, einfach umzukehren, ankämpfend. Drei Tage ist es her, dass sie ihn angerufen hat. Drei Tage, in denen der Gerichtsvollzieher seinen altmodischen Aufkleber auf seinen Fernseher und seinen Toaster geklebt hat. Drei Tage, in denen ihm die Frau beim Sozialamt gefragt hat, was er mit seiner Hilfe zum Lebensunterhalt gemacht hat, anstatt seine Rechnungen zu bezahlen. Drei Tage, in denen er gegen seine innere Dunkelheit gekämpft hat, in denen ihn nur der Blick auf seinen kleinen, flauschigen Lichtblick davon abgehalten hat, sich ins Bett zu legen und das Vegetieren abermals aufzunehmen.
Jetzt ist er vor ihrer Tür. Er klingelt nochmals, klopft. Die Klingel funktioniert. Nichts passiert. Er klopft erneut.
Er schließt die Tür auf. Öffnet sie behutsam. Tritt ein. Der Geruch erschlägt ihn fast. Er ist an Dreck gewöhnt, aber seine Mutter hat die Technik perfektioniert.
„Mama?“ Er zieht die Tür hinter sich ins Schloss und geht, langsam einen Fuß vor den anderen setzend, durch den Flur. Es ist eine kleine Wohnung. Eine Küche, ein Bad, ein Zimmer. Es ist nicht schwer, sie zu finden. Sie liegt auf dem Bett. Sie schläft. Mit offenen Augen.
Er hatte es geahnt. Verdammte Scheiße, er hatte es geahnt! Er sackt auf den Boden und starrt sie an. Kann nichts tun, nur dieses Bild in sich aufnehmen. Minutenlang sitzt er so. Keine Träne kommt aus ihm, kein Schluchzen. Er fühlt sich wie betäubt. Fliegen setzen sich auf ihn, er vertreibt sie nicht.
Schließlich steht er auf, sucht ihr Telefon, und führt die Telefongespräche, die geführt werden müssen. Taub.
Er wartet, bis sie sie abgeholt haben. Verlässt die Wohnung. Wie soll er die Beerdigung bezahlen? Zahlt das Sozialamt eine Beerdigung? Muss er jemanden benachrichtigen? Er will mit niemandem sprechen. Eine Anzeige müsste doch in die Zeitung. Er kann keine Anzeige bezahlen. Warum hat sie das getan? Die Frage ist unsinnig. Wieder einmal hat sie sich ihm aufgehalst. Er muss sich um sie kümmern, ob er will oder nicht.
Zuhause geht er, aus neuer Gewohnheit, an den Briefkasten. Zwei große Umschläge sind darin. Er kennt diese Art von Umschlägen. Hat sie schon zur Genüge bekommen. Freundliche aber definitive Absagen. Er braucht sie nicht zu öffnen. Die Absender reichen ihm. Er hatte sich vorgenommen, noch vor wenigen Tagen, sich nicht entmutigen zu lassen, die Bewerbungen immer gleich mit neuem Anschreiben abermals abzuschicken. Aber er hat keine Kraft dazu. Er wirft die beiden Briefe auf seinen Tisch und ignoriert sie. Hope hat Hunger, andauernd hat sie Hunger. Er geht an den Schrank, doch er hat kein Futter mehr da. Er schiebt sie mit dem Fuß weg, will jetzt nicht losziehen, um für sie einzukaufen. Sollten Katzen nicht auch eigentlich Mäuse fangen? Sich selbst ernähren? Dazu müsste sie allerdings nach draußen können.
Er wirft sich auf sein Sofa. Macht den Fernseher an, der ihm nicht mehr gehört. Bald wird er wohl weg sein. Die Leute sind strahlend, das war ihm in den vergangenen Wochen gar nicht mehr aufgefallen. Hope beißt in seine Ferse, gibt ihre Hoffnung auf Futter noch nicht auf. „Lass mich in Ruhe“, schnauzt er sie an, und schiebt sie erneut unsanft mit dem Fuß von sich.
Sie kommt zu ihm, legt sich auf seinen Schoß und wärmt ihn. Die Verhärtung in ihm löst sich ein wenig und er streichelt sie. „Ich stehe gleich auf und kaufe dir was zu essen, versprochen.“ Und dann erzählt er ihr von seiner Mutter, und dass sie tot ist, und dass er sich jetzt um alles kümmern muss, und dass er wütend ist und nicht traurig, wie es eigentlich von ihm erwartet würde. Und Hope schnurrt und sieht ihn manchmal mit kleinen Augenschlitzen an. Döst und genießt seine Stimme und seine Hand.
Endlich hat sie Futter. Er hat es geschafft, sich um seine Katze zu kümmern. Und er hat ein Bier in der Hand. Es ist lange her, dass er das letzte Bier getrunken hat. Aber er wird die nächsten Tage nicht nüchtern durchstehen. Sein Telefon klingelt jetzt häufiger, manchmal geht er dran, manchmal nicht. Er muss mit dem Bestattungsinstitut sprechen, mit der Sozialamttante, sogar mit Verwandten, die es wissen, obwohl er es ihnen nicht gesagt hat.
Er öffnet das Fenster weit und lehnt sich hinaus, sieht auf das Garagendach, das ihm seine kleine Katze geschenkt hat, und mit ihr so viele Hoffnung. Wo ist sie hin die Hoffnung? Sie ist momentan nur das wachsende Fellwesen, das er in der Küche schmatzen hört. Weitere Absagen liegen auf seinem Tisch. Auch andere ungeöffnete Briefe. Einer von seiner Wohnungsgesellschaft. Den wird er wohl öffnen müssen. Aber nicht mehr heute.
Morgen ist die Beerdigung seiner Mutter. Danach muss er sehen, wie er auf die Beine kommt. Ein weiteres Bier und noch eins. Durch das geöffnete Fenster dringt der Lärm des Lebens von draußen zu ihm herein. Er legt sich ins Bett. In seinen Sachen. Er hat nicht die Kraft, sich auszuziehen. Der Schlaf bringt ihm wirre Träume. Seine Mutter, sogar sein Vater, den er nicht mehr gesehen hat, seit er vier Jahre alt war. Katharina, sein alter Chef, sie alle geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Ein Traum des Scheiterns. Er wacht auf, schweißgebadet, und die Sonne scheint in sein Zimmer hinein. Ein Blick auf die Uhr zeigt ihm, dass seine Mutter in zwanzig Minuten beerdigt wird. Er rennt auf die Toilette, pinkelt, spritzt sich ein wenig Wasser ins Gesicht, stolpert auf dem Weg zur Küche über eine halbvolle Flasche Bier, es ergießt sich über seine Hose, über den Boden. Keine Zeit jetzt, sich darum zu kümmern. Noch ein bisschen Futter für Hope und dann muss er los. Er öffnet die Dose und wartet auf sie. Dieses Geräusch allein ruft sie doch immer schon. „Hope?“
Nichts. Er ruft erneut nach ihr, geht durch die Wohnung. Das Fenster. Es hat reingeregnet. Er hat vergessen, es zu schließen. „Hope?“ Nichts. Er schaut auf das Garagendach, ob sie dort kauert, verängstigt, so wie damals. Doch sie ist nicht dort. Mittlerweile wäre sie groß genug, hinunterzukommen.
Er kann nicht weiter nach ihr suchen, das muss jetzt warten.
In der kleinen Andachtshalle sind nur wenige Menschen. Sie sehen ernst aus, schwarz und elegant gekleidet. Der Rest seiner Familie scheint einer anderen sozialen Schicht zu entspringen als seine Mutter und er. Der Pfarrer redet. Der Sarg steht vorne auf einer kleinen Stufe. Seine Mutter liegt dort. Wird ihn nie mehr anrufen, um ihm Vorwürfe zu machen, um ihn um Hilfe zu bitten.
Die Orgel. Jetzt spürt er Tränen, das erste Mal. Er denkt an Hope. Wo sie wohl ist? Hoffentlich findet er sie wieder, nachher.
Er weint leise. Während er hinter dem Sarg herläuft, an der offenen Grube. Die Trauergäste laufen an ihm vorüber, schütteln ihm die Hand, wünschen ihm ihr Beileid. Er nickt. Seine Jeans stinkt nach Bier. Er ist unrasiert, hat sich die Zähne nicht geputzt. Wer an ihm vorbei gegangen ist, tuschelt über ihn. Er spürt das. Es ist ihm gleich.
Er wird gebeten, noch mit den anderen Familienmitgliedern einen Kaffee trinken zu gehen. Er lehnt ab. Er möchte weg von ihnen, weg von seiner toten Mutter. Es fängt an zu regnen. Das Fenster ist immer noch offen. Er wollte Hope den Heimweg nicht abschneiden.
Er geht in Richtung seiner Wohnung. Seine Augen suchen nach einem weißen Fleck. Er freut sich darauf, sie wieder in den Arm nehmen zu können, wenn er sie gefunden hat. Als er in der Nähe seines Hauses ist, fängt er an, ihren Namen zu rufen. Sucht sie unter Autos, in Mauerritzen, hinter Mülltonnen. Geht in den Hinterhof, der zu den Garagen gehört. Und da sieht er sie.
Weiß mit rot. Sie liegt dort. Klein und verloren. Ist sie gestürzt? Er geht zu ihr. Kniet sich neben sie. Sie ist ganz flach. Überfahren. So klein.